Von Frederik D. Tunnat
Wenn ich gegenwärtig lese, was den angeblichen Vertretern einer kapitalistischen Marktwirtschaft, so Politiker von CDU und CSU, zum Thema Beheben der akuten Wirtschaftskrise einfällt, mag ich meinen Augen kaum trauen!
Da wird allen Ernstes die Abschaffung des 1919 eingeführten Achtstundentages gefordert. Als ob die 1923 nach massivem Einsatz der Unternehmerseite ausgehebelte Regelung, ergänzt um einen zusätzlich möglichen Zehnstundentag auch nur dazu angetan gewesen wäre, die Hyperinflation aufzuhalten, noch den Schwarzen Freitag November 1929, noch den Durchmarsch der Nazis an die Regierung.
Dabei lässt das Arbeitszeitgesetz (ArbZG) vom 6. Juni 1994 durch § 3 folgende Flexibilisierungen zu: „Die werktägliche Arbeitszeit der Arbeitnehmer darf acht Stunden nicht überschreiten. Sie kann auf bis zu zehn Stunden nur verlängert werden, wenn innerhalb von sechs Kalendermonaten oder innerhalb von 24 Wochen im Durchschnitt acht Stunden werktäglich nicht überschritten werden.“ Damit ist die Achtstundenlageregelung von 1918 aufgeweicht und die Arbeitszeit flexibilisiert. Da eine Sechstagewoche gesetzlich möglich ist – Samstag gilt als Werktag –, beträgt die gesetzlich mögliche Wochenarbeitszeit maximal sogar 48 Stunden.
Es wäre manchmal hilfreich, unsere eifrigen Spitzenpolitiker würden, so der eigene Grips oder die eigene Kapazität zur Recherche nicht ausreicht, sich ihrer cleveren Assistenten oder externer Berater bedienen, die ihnen den gesetzlichen Sachverhalt korrekt darstellen würden, bevor sie Dinge einfordern, die längst gesetzliche Grundlage haben.
Was in meinen Augen jedoch angesichts der aktuell neu entfachten unsinnigen und unsachlichen Diskussion um die Arbeitszeit weit sinnvoller und wichtiger wäre, wenn sich Deutschlands Politiker und Unternehmer, einschließlich ihrer aberwitzig riesigen Lobby, erst mal in Klausur begeben würden, bevor sie unsachlich unausgegorene, vermeintliche Lösungsansätze präsentieren. Würden sie dann noch einige gut ausgebildete Manager modern geführter Unternehmen und ein paar gute Unternehmensberater – ich spreche hier nicht von den inkompetenten großen Gesellschaften wie McKinsey und Co. – sondern bodenständigen deutschen Einzelberatern, dann wäre ihnen bekannt, wie es um die betriebliche Wirklichkeit in Sachen Arbeitszeit und damit in Verbindung stehendem Urlaub steht.
Bevor nämlich an die Adresse der Arbeitnehmer die Aufforderung nach Mehrarbeit gerichtet wird, über eine Abschaffung des Achtstundentages, sollten sich unsere Politiker einmal einen Überblick über die betriebliche Praxis in Deutschlands Unternehmen verschaffen. Angesichts falscher und fehlender Organisation in zahlreichen Unternehmen, wird, abgesehen von der Arbeitsbelastung durch nationale und EU bürokratische Reglungen, die mittlerweile rund 15% der Arbeitszeit vieler Angestellter in gegliederten Unternehmen beanspruchen, ein nahezu gleich großes Arbeitszeitkontingent durch fehlerhafte Organisation und unlogische Abläufe in den Unternehmen selbst verbraucht.
Zu meiner aktiven Zeit im Management einer Konzerntochter war es bereits für mich üblich, ca. 25%, also ein Viertel der zur Verfügung stehenden und bezahlten Arbeitszeit durch den Einsatz zusätzlicher Mitarbeiter auszugleichen. Die 25% nicht geleistete Arbeitszeit pro Verwaltungsmitarbeiter addierte sich aus Krankheitstagen, Urlaubsanspruch und mangelhafter interner Abläufe inklusive fehlerhafter Organisation der Abläufe und individuellen Arbeit.
Nachdem ich dies erkannt hatte, versuchte ich mit geeigneten Maßnahmen gegenzusteuern, denn was es für die Kostenseite bedeutet, statt mit 100% mit 125% Personalkosten planen zu müssen, versteht jeder Betriebswissenschaftler. Meine erste Maßnahme war, mein eigenes Arbeitszeitbudget von dem hochrangige Manager behaupten es umfasse 80 oder gar 90 Wochenstunden, so effizient zu machen, dass ich mein eigenes Pensum in max. 50% meiner regulären Arbeitszeit = 40 Stunden erledigte, um mir 20Stunden oder 50% freizuschaufeln für die Optimierung und Verbesserung der Abläufe und Organisation. Nachdem ich an jedem Arbeitsplatz je Tätigkeitsfeld, nicht bei jedem einzelnen von über 100 Mitarbeitern, einige Tage hospitiert hatte, zeigten sich die Fehler, die sowohl durch mangelhafte Vorgaben und Organisation seitens des Unternehmens, als auch durch mangelnde Effektivität der einzelnen Mitarbeiter verursacht wurden.
Dank dieses kleinschrittigen Vorgehens, das sowohl den Anteil der Fehler des Unternehmens wie individuelle der Mitarbeiter beinhaltete, lagen anschließend die Lösungsmöglichkeiten offen auf dem Tisch. Hatten bis dahin zahlreiche Mitarbeiter enorme Überstunden geschoben, angeblich, weil andernfalls ihr Arbeitspensum nicht zu bewältigen war, fielen diese Überstunden in der Folge fort, einfach durch bessere Ablaufplanung und individuelle Organisation. Es erwies sich aber, dass, sobald ich versuchte, mich der eigenen Aufgabe als Leiter des Unternehmens wieder 100% zu widmen, umgehend der alte „Schlendrian“ erneut Einzug hielt. Das bedeutete für mich, langfristig meine eigene Planung so zu optimieren, dass mir dauerhaft 50% meiner Zeit für aktives Coaching und Überwachung blieben. Dies zwang mich noch konsequenter als zuvor auf bewährte Methoden der Arbeitsorganisation zurückzugreifen. Mittels konsequenter Anwendung der ABC Methode, abgeleitet vom Pareto-Prinzip, gelang es mir dauerhaft binnen max. 4 Arbeitsstunden pro Tag mein Arbeitspensum zu erledigen, um somit den Rest jeden Tages als Ansprechpartner, Coach und Organisator den Mitarbeitern zur Verfügung zu stehen.
Außer der eigenen Effizienzsteigerung – was beweist, dass man als Leiter eines Unternehmens weder 80, noch 40 Stunden benötigt, sondern mit 20 auskommen kann – gelang es so, die Überstunden im Unternehmen nahezu vollständig abzubauen. Zudem gelang es, durch bessere Organisation und Arbeitsabläufe der einzelnen Arbeitsplätze vorherige Reibungsverluste und damit Arbeitszeitvergeudung zu reduzieren. Was blieb, war die Urlaubszeit sowie die Tendenz, eine bestimmte Anzahl von Tagen pro Jahr krank zu sein.
Ich weiß mich an diesem Punkt im Widerspruch mit dem Gros meiner Gewerkschaftskollegen. Doch habe ich aus mehreren Führungstätigkeiten die Erfahrung gesammelt, dass eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Mitarbeitern dazu tendieren, sich zusätzlich zum bezahlten Jahresurlaub bezahlte Tage „zu nehmen“, eben das, was unter Krankheit läuft. Ich konnte während der Faschingsperiode die Uhr danach stellen, dass nach jedem prunkvollen Wochenende der Faschingsgesellschaft jene Mitarbeiter, die dort aktiv waren, die folgende Woche zum Ausruhen und Verschnaufen benötigten, sprich blau machten, natürlich stets mit offizieller Krankenmeldung. Insofern kann ich nachvollziehen, weshalb es heute in unternehmerischer Verantwortung Stehenden ein Dorn im Auge ist, dass Mitarbeiter sich über den Ausweg von Krankheitstagen zusätzlichen bezahlten Urlaub verschaffen. Können.
Ich behaupte nicht und unterstelle nicht zahlreichen ernsthaft kranken Mitarbeitern Arbeitszeitbetrug, doch kennt sicher jedes Unternehmen seine Kandidaten, die nach bestimmten privaten Events so ausgepowert sind, dass sie sich via Krankschreibung, gern der psychischen Art, da problematisch auszuschließen, zusätzliche bezahlte Tage auf Kosten von Kollegen und Unternehmen verschaffen. Es sollte an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass, wie die entsprechenden Statistiken beweisen, dieses „Phänomen“ gerade im Beamtenapparat noch viel stärker ausgeprägt ist, als in der freien Wirtschaft.
Krankfeiern ist ein gesellschaftliches Problem, dessen Lösung sich mir bisher nicht erschlossen hat, da es sich um ein äußerst komplexes handelt, das nicht mit der Änderung eines einzelnen Stellknopfs, etwa dem persönlichen Erscheinen beim Arzt oder der Einschränkung der Bezahlung durch Arbeitgeber einfach zu lösen wäre.
Der gängige Reflex von Gewerkschaften, sich ohne Prüfung und Würdigung der Umstände hinter „betrügende“ Mitarbeiter zu stellen ist mindestens ebenso kontraproduktiv, wie die Forderung der Unternehmer und ihrer politischen Lobby nach Abschaffung des Achtstundentags. Ich erinnere einen Vorgang, bei dem eine Gruppe von zehn Mitarbeiterinnen aufflog, die über Jahre ein munteres System des Arbeitzeitbetrugs perfektioniert hatten. In einem ausgeklügelten Reihumverfahren war täglich eine von ihnen zum regulären Arbeitszeitbeginn an der Stechuhr erschienen und hatte für die abwesenden neun Kolleginnen ebenfalls abgestempelt. Nachdem diese ihren hausfraulichen und mütterlichen Pflichten zu Hause auf Unternehmenskosten nachgekommen waren, trudelten sie eine bis anderthalb Stunden zu spät, und zwar täglich, im Unternehmen ein. Als sie aufflogen, konnten sich sowohl die internen Gewerkschafter als die Organisation nicht schnell genug hinter die betrügerischen Mitarbeiter stellen und verhinderten, dass es zu Kündigungen als auch nur zu einem Prozess vor dem Arbeitsgericht kam. Das ist in meinen Augen falsch verstandene Solidarität auf Kosten des Unternehmens, anderer, legal arbeitender Kollegen und auf dem Rücken der Kunden, die nicht nur schlechter betreut werden, sondern obendrein durch die höher veranschlagten Personalkosten auch noch über die Produkte und Dienstleistungen zur Kasse gebeten werden.
Angesichts derartiger Umtriebe hört bei mir persönlich gewerkschaftliche Solidarität auf und sollte es auch für die hauptamtlichen Gewerkschafter tun. Derartiges Verhalten zu tolerieren und ohne die dafür vorgesehenen arbeitsrechtlichen Konsequenzen unter den Tisch fallen zu lassen, löst das Problem nicht, sondern verschärft und verbreitert es.
Doch zurück zum Thema Achtstundentag. Ich bin, angesichts der geltenden Arbeitszeitverordnung, die ausreichend Flexibilität für Unternehmen bereitstellt, prinzipiell dagegen, diese Errungenschaft des 20. Jahrhunderts auch nur anzutasten. Ich hoffe anhand meiner aus Unternehmenspraxis gespeisten Beispielen ist deutlich geworden, dass hier weniger allein Arbeitnehmer und die generelle Regelung zu ändern sind, als vielmehr Politik über weniger bürokratischen Verwaltungsaufwand, sowie Unternehmen intern über optimierte Abläufe und internes Coaching weit mehr Arbeitszeiteinsparung für ihr Unternehmen erzielen können, statt ein weiteres Problem, das mehrere Seiten betrifft, wieder ausschließlich auf dem Rücken von Arbeitern und Angestellten zu lösen. Hier sind in erster Linie Politik und Beamtenschaft, samt ihren ausufernden Regelungen, als auch Unternehmen intern, gefordert.
Titelbild: Engineer at work by Usman Saeed CC BY 2.0 DEED via FlickR
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