Der amerikanische Journalist Joe Kirwin beleuchtet in einer beeindruckenden Podcast-Serie die Schrecken des Zweiten Weltkriegs im nördlichen Apennin und Lehren, die sich daraus für die Gegenwart ziehen lassen. Das grausamste der von den deutschen Besatzern in Italien verübten Massaker war die Ermordung von 770 Zivilisten am 29. September und 1. Oktober 1944 in der Ortschaft Marzabotto.
Von Michael Stabenow
Mitte September habe ich im toskanischen Volterra an der Porta all´Arco gestanden. Das prächtige Bauwerk aus Tuff- und Kalksandstein stammt aus dem vierten Jahrhundert vor Christus. Es ist damit das älteste, noch weitgehend in der ursprünglichen Form erhaltene etruskische Stadttor. Einige Meter daneben fiel mir an der Stadtmauer eine neu angebrachte Gedenktafel auf. Ihre von Juli dieses Jahres stammende Inschrift verweist darauf, dass Staatspräsident Sergio Mattarella der hoch über der Umgebung angelegten Stadt die bronzene Medaille für bürgerliche Verdienste verliehen hat.
Die Auszeichnung bezieht sich auf ein 81 Jahre zurückliegendes Ereignis, dem auf einer daneben vor längerer Zeit angebrachten Tafel gedacht wird. Ende Juni 1944 hatten die deutschen Besatzer entschieden, das antike Tor zu sprengen und dadurch den von Süden aufrückenden amerikanischen Truppen den Zugang zur Stadt zu verwehren. Innerhalb von zwei Tagen gelang es jedoch Bürgerinnen und Bürgern Volterras, das Stadttor mit Gestein zu füllen, zu ummauern und so eines der wichtigsten Zeugnisse der Etruskerzeit für die Nachwelt zu bewahren.
Das kriegerische Geschehen hatte sich danach 80 Kilometer Luftlinie weiter nach Norden in den nördlichen Apennin verlagert. Dort lieferten sich zwischen August 1944 und April 1945 die unter amerikanischem und britischem Oberkommando stehenden, aber auch aus Soldaten aus nicht weniger als 17 Nationen zusammengesetzten Truppen erbitterte Kämpfe mit Verbänden der deutschen Wehrmacht und der SS sowie ihrer italienischen faschistischen Verbündeten. Die Zahl der Toten und Verletzten auf beiden Seiten in dieser Zeit schätzen Experten auf annähernd 150000.
Nicht zuletzt Unstimmigkeiten zwischen amerikanischen und britischen Befehlshabern führten dazu, dass die Offensive im Apennin fast zum Erliegen kam und sich unter widrigen winterlichen Wetterbedingungen lange hinzog. Nach monatelangen Gefechten ohne größere Geländegewinne gelang es schließlich amerikanischen Truppen, im Februar 1945 am zwischen Florenz und Bologna gelegenen Monte Belvedere das Blatt zugunsten der Alliierten zu wenden und binnen weniger Wochen bis in die Po-Ebene und anschließend zu den Alpen vorzudringen.
Es war das Ende der sogenannten Gotenstellung – einer mehr als 300 Kilometer langen, von der Küste des Tyrrhenischen Meers bei Carrara über die Apuanischen Alpen, den südlich zur Toskana, nördlich in die Emilia-Romagna reichenden Hauptgrat des Nordapennins bis zur Adriaküste bei Pesaro in der Region Marken reichende Befestigungs- und Verteidigungslinie der deutschen Besatzer.
Das damalige Geschehen ergründet, aber auch mögliche Lehren aus der damaligen Zeit für die unruhige Gegenwart aufgezeigt hat jetzt Joe Kirwin in einer fast 20 Folgen umfassenden Podcast-Serie unter dem Titel „WW II Gothic Line ghosts haunt modern day Italy, Europe“ (WW II Gothic Line ghosts haunt modern day Italy, Europe | Podcast on Spotify) Der lange in Brüssel tätige, jetzt einen Großteil seiner Zeit unweit der damaligen Gotenstellung verbringende amerikanische Journalist hat dazu Schauplätze des damaligen Geschehens besucht. Er hat zahlreiche Gespräche mit in der Region lebenden Menschen, aber auch mit einer Reihe von Sachverständigen und sogar einem an den damaligen Kämpfen beteiligten, fast 100 Jahre alten japanischstämmigen Amerikaner geführt.
Über das grausame Geschehen, zu dem etliche Massaker deutscher Truppen, zum Teil unter Beteiligung italienischer Faschisten, an Zivilisten und Widerstandskämpfern gehören, etwa im toskanischen Sant´Anna di Stazzema oder im südlich von Bologna gelegenen Marzabotto, wird heute nördlich der Alpen wenig gesagt und recht selten geschrieben. Aber auch in Italien, so beklagt Kirwin, fänden 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs die damaligen Ereignisse noch immer nicht die nötige Aufmerksamkeit.
Die Podcast-Serie erhärtet den Eindruck, dass die historische Aufarbeitung der Zeit nach dem Sturz des Mussolini-Regimes im Juli 1943 bis zum heutigen Tage nur zum Teil gelungen ist. Dazu beigetragen haben dürfte, dass nur vergleichsweise wenige deutsche Täter und italienische Kollaborateure nach dem Zweiten Weltkrieg zur Rechenschaft gezogen worden sind. Auch die Vergehen des faschistischen Regimes in Abessinien, dem heutigen Äthiopien, in Griechenland und auf dem Balkan seien, so die Einschätzung im Kreis der von Kirwin befragten Sachverständigen, in Italien lange zu sehr unter den Teppich gekehrt worden.
Die auf Besuchen vor Ort und Gesprächen mit Experten beruhenden Einschätzungen Kirwins müssen zu denken geben. Er bedauert, dass das mörderische Geschehen im Apennin mit dem schließlich erfolgreichen Vormarsch der britisch-amerikanisch geführten Verbände zu den österreichischen Alpen bis heute auf relativ wenig Interesse stößt. Dies gilt nicht zuletzt im Vergleich mit der damals und auch heute im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehenden Invasion der Normandie im Juni 1944 durch die westlichen Alliierten.
Dabei sei das Ziel, wie Kirwin mehrfach herausstellt, damals wie heute identisch für Demokratie und Freiheit in Europa einzustehen – Errungenschaften, die viele der damals in Italien beteiligten Kämpfer aus Südafrika oder Asien in ihrer Heimat nicht gekannt hätten. „Viele von ihnen starben für Demokratie in Italien und Europa, obwohl sie über diese nicht in ihren Heimatländern verfügten“, sagt Kirwin. Die militärische Leistung der Alliierten mit Kämpfern unterschiedlichster Herkunft im unwegsamen Apennin gegen die 460000 deutschen Wehrmachtsoldaten und SS-Kämpfer sowie ihre gut 160000 einheimischen faschistischen Verbündeten werde nicht genug gewürdigt. Nicht zuletzt britische Soldaten, die unermüdlich im Einsatz gewesen seien, zunächst in Nordafrika und später beim Vormarsch aus dem Süden Italiens, seien in der Heimat als Drückeberger („D-Day-Dodgers“) diffamiert worden, die sich statt auf den Schlachtfeldern der Normandie die Zeit an der italienischen Riviera vertrieben.
Kirwin widmet sich in seinem Podcast auch dem Schicksal von rund 7000 an der Offensive der Alliierten gegen die deutschen Stellungen beteiligten schwarzen südafrikanischen Soldaten. Im Gegensatz zu ihren weißen Landsleuten durften sie keine Feuerwaffen tragen und hatten vor allem – „wie Maulesel“ – gefährliche Trägerdienste in oft schroffem Gelände verrichtet.
Zu Wort kommt im Podcast auch der inzwischen fast 100 Jahre alte japanischstämmige Amerikaner Yoshio Nakamura, der damals am erfolgreichen Anstieg auf den Gipfel des Monte Folgorito in den unwegsamen Apuanischen Alpen beteiligt war. Der Einsatz japanischstämmiger amerikanischer Kämpfer war, so Kirwin, insofern besonders bemerkenswert, da viele Angehörige der Bevölkerungsgruppe, auch Nakamura, nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941 in amerikanischen Lagern interniert worden seien.
Kirwin setzt sich nicht nur für eine der historischen Bedeutung der damaligen Ereignisse an der Gotenstellung gerecht werdende Betrachtungsweise ein. Er lenkt auch den Blick entschieden auf die sich daraus ergebenden Konsequenzen für Gegenwart und Zukunft. Der amerikanische Journalist und mehrere seiner Gesprächspartner warnen davor, dass sich die Geschichte wiederholen könne und heute nicht die notwenigen Lehren aus der Geschichte der zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts gezogen würden.
Besonders drastisch formuliert dies im Gespräch mit Kirwin der in Russland geborene und derzeit an der Prager Karls-Universität forschende Wissenschaftler Sergej Medvedev: „Es gibt eine verblüffende Ähnlichkeit zwischen dem 20. und dem 21. Jahrhundert“. Damals wie in jüngerer Zeit hätten gesellschaftliche Umwälzungen eine „Krise des rationalen Denkens“ sowie eine Polarisierung und Emotionalisierung in den Gesellschaften heraufbeschworen.
Vor dem Zweiten Weltkrieg hätten, so Medvedev, einschneidende Ereignisse wie die Instabilität in der Weimarer Republik, die internationale Wirtschaftskrise, aber auch die westliche Politik der Beschwichtigung („Appeasement“) gegenüber dem Expansionsdrang des Hitler-Regimes den Boden für die katastrophale Entwicklung in Europa bereitet. Heute, 35 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, müssten sich die demokratischen Gesellschaften eingestehen, sie hätten „zu Unrecht geglaubt, gewonnen zu haben“. Die empfundenen Bedrohungen, zum Beispiel durch Migration, den raschen technologischen Wandel, aber auch die Verschiebungen in der öffentlichen Meinung zugunsten der sogenannten sozialen Medien begünstigten heute ebenfalls ein Klima, in dem Verschwörungstheorien, Mystik oder auch „Blut und Boden“-Gedankengut gedeihen könnten.
Medvedev hat in seiner Analyse offenbar vor allem den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und die Moskauer Bestrebungen zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung in Europa vor Augen. Andere von Kirwin interviewte und auf die Ereignisse im Apennin in den Jahren 1944 und 1945 spezialisierte Gesprächspartner lenken die Aufmerksamkeit auf die sicherheits- und wirtschaftspolitischen Verwerfungen im transatlantischen Verhältnis zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten sowie auf die Folgen der zweiten Amtszeit des amerikanischen Präsidenten Donald Trump.
Der britische Historiker Andrew Sangster, der in dem 2023 erschienenen Buch „Flawed Commanders and Strategy in the battles for Italy 1943-45“ die Ereignisse rund um die Gotenstellung analysiert und geschildert hat, sagt, Trump sei für ihn wegen dessen „destruktiver Machtfülle“ ein „Schimpfwort“ geworden. „Er ist ein Autokrat. Und etwas, was George Bernard Shaw zu Lehren aus der Geschichte gesagt hat, ist, dass wir dies nicht tun“, sagt Sangster.
Er verweist aber auch darauf, dass eine zunehmenden Anzahl von Amerikanerinnen und Amerikanern einen Bewusstseinswandel erleben. „Sie erkennen die Gefahr“, konstatiert der britische Historiker, „dass ihre Demokratie sich in eine Autokratie verwandelt – und zwar eine Autokratie, die die Welt verwirrt hat, denn der Bruch mit Europa und dem Nato-Bündnis kann uns wirklich in die Nähe der Gefahrenlinie bringen. Es ist ein ernstes Problem.“
Der britische Militärhistoriker Ian Gooderson sieht angesichts der jüngsten Entwicklung in Amerika und der transatlantischen Spannungen auch Chancen für ein verändertes Bewusstsein. Im Gespräch mit Kirwin sagt er: „Sie schärft den Blick für die Bedeutung des Gedenkens, sodass ein kollektives Gedächtnis entsteht, das uns zumindest die Gelegenheit gibt, aus der Vergangenheit Lehren zu ziehen.“
In derselben Gesprächsrunde schlägt Guido Molinari, Gründungsdirektor des der Befreiung Italiens von der faschistischen und der Nazi-Gewaltherrschaft gewidmeten neuen „Alliierten Museums“ in Rom den Bogen von der Gegenwart in die Endphase des Zweiten Weltkriegs und zurück. „Wir sind zutiefst davon überzeugt, dass die Geschichte Italiens ganz anders verlaufen wäre, hätten nicht zehntausende junger Männer ihren Einsatz mit dem Leben bezahlt“, sagt Molinari.
Es ist nachvollziehbar, dass Kirwin in seinem Podcast, mit dem er nicht zuletzt die bleibende Bedeutung der Grundwerte von Demokratie und Freiheit herausstellen möchte, die Entwicklung an der Gotenstellung vor allem aus der Warte der Alliierten beleuchtet. Nach dem Sturz des faschistischen Regimes im Spätsommer 1943 erlebte Italien bürgerkriegsähnliche Zustände. In Norditalien bildete sich die unter dem Schutz der deutschen Besatzer stehende faschistische „Italienische Sozialrepublik“ (RSI), während sich im Widerstand verschiedene Kräfte wiederfanden: gemäßigte Republikaner, Christdemokraten, Liberale, Sozialdemokraten, aber auch damals der Sowjetunion nahestehenden italienische Kommunisten.
Diese Vielfalt, so erläutert es der an der Universität Köln tätige und auf die Ereignisse der Jahre 1943 bis 1945 spezialisierte italienische Historiker Carlo Gentile im Podcast, habe auch für einen gewissen Argwohn der britischen und amerikanischen Alliierten gesorgt. „Sie wollten die Nazis besiegen, aber nicht einer Bewegung Macht verleihen, die später westliche Werte aufs Spiel setzen könnte“, sagt Gentile. Er hat 2019 am Martin-Buber-Institut für Judaistik an der Universität Köln die wissenschaftliche Leitung eines Forschungsprojekts, insbesondere zu Persönlichkeiten und Motiven der damaligen Täter, übernommen (Die Massaker im besetzten Italien (1943–45) in der Erinnerung der Täter).
Erschwert worden sei die Klärung der Rolle von Faschisten bei Massakern in den Jahren 1944/45 durch den Umgang mit zuvor in anderen Ländern begangenen Greueltaten italienischer Kräfte. Belastende Dokumente zu deutschen Besatzern und italienischen Faschisten seien bis Mitte der neunziger Jahre in Rom in Archiven „regelrecht versteckt“ worden. „Jahrelang wurden diese Verbrechen nicht erörtert“, erläutert Gentile.
Auch deutsche Täter konnten nach dem Zweiten Weltkrieg offenbar unbehelligt leben. Erst Recherchen des deutschen Journalisten Udo Gümpel, der vor über 20 Jahren eine Reihe von deutschen Tätern aufgespürt und interviewt hat sowie eng mit Gentile zusammenarbeitet, haben auch in Deutschland das Bewusstsein für die Grausamkeiten im Grenzgebiet zwischen Toskana und Emilia-Romagna geschärft. Gentile und Gümpel haben unlängst in einem „Zeit“-Interview (Deutsche Kriegsverbrechen in Italien: „Sie wussten, ihnen droht keine Strafe“ | ZEIT ONLINE) neuere Einblicke in ihre Erkenntnisse gewährt.
Durch das jüngste Erstarken rechtspopulistischer Kräfte in Europa, nicht zuletzt die Übernahme des Amts der Ministerpräsidentin durch Giorgia Meloni von der letztlich auf die neofaschistischen „Italienischen Sozialbewegung“ (MSI) zurückgehende Partei „Fratelli d´Italia“, gestalte sich die Aufarbeitung der Vergangenheit in Italien „delikat“, befindet Gentile. Meloni habe sich offiziell vom Vermächtnis der damaligen Zeit distanziert; sie neige aber dazu, die Debatte über die Rolle italienischer Faschisten bei den Massakern zu vermeiden.
Es falle auch auf, so der Historiker, dass Meloni Gedenkveranstaltungen in Orten von Massakern wie Marzabotto ferngeblieben sei. All dies sei nicht ohne Einfluss auf den Umgang mit der Vergangenheit geblieben. „Unter der derzeitigen Regierung gibt es eine auffällige Verschiebung. Dabei wird der Krieg eher als eine kollektive, alle Italiener gleichermaßen betreffende nationale Tragöde dargestellt – statt die aktive Beteiligung faschistischer Kräfte an Greueltaten im Krieg einzugestehen“, erklärt Gentile.
Der Historiker sieht auch in der vergleichsweise zögerlichen Positionierung Italiens zum Ukrainekonflikt gewisse Parallelen zur Entwicklung in den dreißiger Jahren. Neben der auch heute vorhandenen wirtschaftlichen Unsicherheit in Europa komme hinzu, dass es im Zeitalter um sich greifender Falschinformationen und Manipulation schwer werde, sich ein Bild von der Realität und Bedrohungen zu machen. Gentile erinnert daran, dass die britisch-französische „Appeasement“-Politik Adolf Hitler nicht gebremst habe. „Es wurde als Zeichen der Schwäche gesehen“, sagt der Historiker und präzisiert: „Und Diktatoren verstanden dies als eine Zeichen des Grünen Lichts.“
Auch wenn Kirwin die Ereignisse rund um die Gotenstellung in erster Linie aus der Warte der Alliierten schildert, widmet er sich auch deutschen Bemühungen um Versöhnung und darum, die Erinnerung an die Greueltaten im Apennin wachzuhalten. Stellvertretend dafür führt er Udo Surer an, dessen Vater, wie der heute in Lindau lebende Anwalt erst als Erwachsener erfuhr, an Massakern beteiligt war. Kurz vor Vollendung seines 50. Lebensjahrs machte sich Surer in der Toskana auf die Suche nach Spuren der Verbrechen, auch der seines Vaters.
In der Ortschaft San Terenzo und anderen Schauplätzen von Massakern hat Surer, wie er Kirwin erzählt, Überlebende getroffen und Freundschaftten geschlossen. Jahr für Jahr kehrt er in die Region zurück und hat auch schon Besucher aus der Region in Deutschland empfangen. Auf die Frage Kirwins, ob es für ihn möglich sei, für die Taten seines Vaters um Vergebung zu bitten, antwortet Surer, die Verbrechen seien „so enorm und monströs, dass dies nicht möglich ist“. Andererseits scheint gerade auf dieser Erkenntnis das unermüdliche Engagement Surers für Frieden und Versöhnung zu beruhen (Udo Surer: “Io, figlio di SS, sui luoghi delle stragi per costruire la pace”).
Dass Surers Vater im Herbst 1944 nicht an dem maßgeblich von Angehörigen seiner 16. SS-Panzergrenadier-Division verübten Massaker in und rund um Marzabotto beteiligt war, erklärt sich durch den Umstand, dass dieser damals verletzungsbedingt nicht im Einsatz war. In und rund um die Ortschaft waren zwischen dem 29. September und dem 1. Oktobber 1944 insgesamt 770 Zivilisten – Männer, Frauen und Kinder – ermordet worden.
Marzabotto ist inzwischen zu einem Symbol für den gemeinsamen deutsch-italienischen Umgang mit der Vergangenheit im Geiste der Versöhnung geworden. 2002 besuchte der damalige Bundespräsident Johannes Rau die Stätte. Vor Jahresfrist, als die Schreckenstaten exakt 80 Jahre zurücklagen, hatte der jetzige Präsident Frank-Walter Steinmeier gemeinsam mit seinem italienischen Amtskollegen Sergio Mattarella an einer Gedenkveranstaltung in Marzabotto teilgenommen.
Steinmeier bezeichnete damals das Massaker als das „grausamste aller Verbrechen, die deutsche Truppen in Italien während des Zweiten Weltkriegs begangen haben“. Und der Bundespräsident tat, wozu sich Udo Surer in seinem eigenen Namen, wie er es Kirwin erläuterte, nicht in der Lage sah. „Ich verneige mich vor den Toten, Ich bitte Sie im Namen meines Landes um Vergebung“, sagte der Bundespräsident.
Mit seiner umfangreichen Podcast-Serie zu den grausamen Ereignissen an der Gotenstellung führt Kirwin nicht nur in ein Geschehen ein, das auch acht Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch zu wenig ins öffentliche Bewusstsein eingedrungen ist. Der in Europa heimisch gewordene Amerikaner trägt nicht nur dazu bei, Wissenslücken zu den Schrecken der damaligen Zeit zu stopfen.
Kirwin hat auch herausgearbeitet, wo die Ursprünge der Verwerfungen zwischen traditionellen, demokratischen Grundsätzen verhaftetem Denken und rechtspopulistischen bis totalitären Bestrebungen liegen können. Es sind Erkenntnisse, die sowohl für den Weg zur Katastrophe der Jahre 1933 bis 1945 als auch für die heutige Zeit Geltung haben dürften, in der im östlichen Europa seit Jahren wieder ein Krieg tobt.
Zurück zur Porta all´Arco und den dort angebrachten Gedenktafeln. Nur recht wenige der Touristen, die sich im mittelalterlich geprägten pittoresken Volterra tummeln, laufen die wenigen hundert Meter bergab zum etruskischen Stadttor. Dass in den kriegerischen Wirren des Sommers 1944 Menschen dieser Stadt den Mut aufgebracht haben, mit rasch herbeigebrachten Steinen dieses Zeugnis aus der Antike zu bewahren, verdient – gerade heutzutage – Anerkennung. In diesen unsicheren Zeiten sollte es als Mahnung und Ansporn dienen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur in Deutschland und Italien zurückerlangten Grundwerte von Demokratie, Freiheit und Selbstbestimmung zu schützen.
Fotogalerie: Gothic Line
Fotos: Joe Kirwin
Titelbild: Porta all´Arco in Volterra/Italien; Foto: Michael Stabenow
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