Von Frederik D. Tunnat

Nie war für mich so deutlich und greifbar, wie in dieser Woche, in was für einem abgewirtschaftetem, kritischen Zustand sich Deutschland als Gemeinwesen und Staat befindet. Jeder vernünftige Hausarzt würde, falls Jemand in diesem Zustand in seiner Praxis vorstellig wird, den umgehenden Kontakt zu einem guten Therapeuten empfehlen.

Was konkret lässt mich ausgerechnet Anfang dieser Woche nach der dringend nötigen Therapie für den Patienten Deutschland rufen?

1.) Die Reaktionen der Parteien auf das Wahlergebnis in Baden-Württemberg

2.) Die Ergebnisse dieser Wahl selbst

3.) Die Meldung, dass die Porzellanmanufaktur Kahla pleite ist

4.) Dass eine traditionsreiche Bäckerei, gegründet 1591, nach 435 Jahren gezwungen ist zu schließen

Arbeiten wir die einzelnen Punkte ab:

Alarmierend stellt sich für mich die Tatsache dar, dass ein Wahlverlierer, in diesem Fall die CDU, sich in bester Manie eines Trump’schen Zauberlehrlings, allen Ernstes erblödet, angesichts des vorläufigen amtlichen Wahlergebnisses von 30,2 Prozent für die GRÜNEN, 29,7 Prozent für die CDU, mithin 0,5% Mehrheit – was in einer Demokratie Mehrheit bedeutet, ohne wenn und aber – nun die absurde Forderung aufstellt, der Wahlsieger müsse sich das Amt des Ministerpräsidenten mit dem Wahlsieger teilen. Eine Partei, deren Aufstieg in der jungen Bundesrepublik damit begann, dass sich Kanzler Konrad Adenauer mit der eigenen Stimme und damit mit 1 Stimme Mehrheit! Zum Kanzler machte und damit die jahrzehntelange Besetzung des Kanzleramts durch die CDU binnen der vergangenen 77 Jahre einleitete. Eine Partei, die ihren Aufstieg nach dem Krieg in der Bundesrepublik einer einzigen Stimme verdankt, maßt sich heute, in typischer Trump Manier an, das Wahlergebnis in ihrem Sinn zu interpretieren. Wie ungemein anmaßend und zugleich demokratiefeindlich ist denn das???

Wir haben aktuell in Baden-Württemberg ein Ergebnis, bei dem sich 27.300 Wähler mehr für die Grünen entschieden haben. Gegenüber der einen Stimme bei der ersten Kanzlerwahl 1949 also schon ein wenig mehr. Dennoch glaubt die CDU Anspruch auf den Ministerpräsidentenposten zu haben, u.a. wegen eines von den Grünen verbreiteten Videos über den CDU Spitzenkandidaten. Das folgt genau der Trump Logik: die Wahl wurde gestohlen, eigentlich haben sich die Wähler, speziell jene 27.300 geirrt. Sie hätten ihr Kreuz bei der CDU machen müssen, haben das aber nicht, weil sie angeblich ein Video angesehen haben. Also gestohlene Wahl, fehlt nur, demnächst stürmen CDU Anhänger den Landtag und lynchen ein paar Saalwärter und Abgeordnete der siegreichen Partei, damit das Trump Drehbuch möglichst originalgetreu umgesetzt wird.

So weit sind wir jetzt bereits? In meinen Augen ein klarer Fall für die Couch!

Betrachten wir die restlichen Wahlergebnisse: etwa das bemerkenswert unverständliche, dass im biederen, saturierten Schwaben und in Baden immerhin fast 19% aller Wähler, denen es zwischen 1949 bis heute überwiegend blendend ging, blendender, als dem Rest der Republik. Und nun, weil ihre Arbeitgeber die Autohersteller und ein paar Mittelständler die Zeit verschlafen haben und aus Profitgier nicht genug nach China auslagern konnten, sobald ein paar zehntausend Arbeitsplätze verloren gehen und der Gang zum Jobcenter selbst für Schaffe, Schaffe Schwaben, die ihr Häusle gebaut haben und eine Finca auf Mallorca besitzen, in den gedanklich möglichen Bereich rückt, ihr Heil bei den unglaublich miesen Kopien der ehemaligen Nazis suchen. „Herrgots Blechle“ möchte man da ausrufen! Wo ist der lebenstüchtige Realismus der Schwaben abgeblieben?

Dass ausgerechnet in Baden-Württemberg gleich zwei frühere Partei-Ikonen der Bundesrepublik regelrecht vom Wähler massakriert wurden, lässt Anflüge an die ersten, aufgebrachten revolutionsschwangeren Jahre 1848/49 im Ländle aufkommen. Die braven Schwaben haben die FDP, die hier im Ländle gegründet wurde und einst so stark war, ebenso beerdigt, wie sie die SPD dermaßen kastrierten, dass die auf Minimum geschrumpfte einstige Partei der Arbeiter nicht mehr weiß, ob sie Männlein oder Weibchen ist, mithin der Transgender-Problematik ausgeliefert wurde.

Da ist es fast nur marginal, dass die Schwaben auch den siegesgewissen Linken einen gehustet haben und sie in der Opposition beließen, wo sie, geht es nach den traditionell-pietistischen Schwaben halt auch hin gehören. Insgesamt ein Ergebnis, dass deutlich macht, in welchem Ausmaß Deutschlands biederste Provinz inzwischen hyperventiliert. Es ist Fünf nach Zwölf für eine Therapie auf der Couch.

Lässt man den Blick von Baden-Württemberg gen Thüringen schweifen, gehört die erwähnte , mittlerweile bereits zweite Insolvenz des regionalen Porzellanherstellers Kahla, für mich ebenfalls zu jenen dringlichen Symptomen, die auf die notwendige Therapie Deutschlands unmissverständlich hinweisen. Ein Unternehmen wie Kahla-Porzellan, 180 Jahre alt, das drei Kriege (den von 1870/71, den 1. und 2. Weltkrieg), Hitler, die Hyperinflation, die sowjetische Besatzung, die DDR, die Wende, 2008 und sogar die Pandemie überstanden hat, so ein Unternehmen galt früher als unbankrottbar.

Dass es ausgerechnet jetzt, 13 Monate nach Trump 2.0 vor dem Aus steht, hat sicher zu mindestens 50% mit hausgemachten Problemen Deutschlands zu tun; zu viel Bürokratie, zu hohe oder zumindest falsche Steuern, Fachkräftemangel, der DDR Nostalgie die dabei ist in eine Nazi-Nostalgie a la Adolf 2.0 abzudriften, sowie weitere, auch interne Probleme. Dass jedoch schlagartig 50% äußere Probleme durch Verunsicherung der Märkte, Zölle, steigende Energiekosten etc. hinzukommen, ist selbst für einen so trainierten Marathonläufer wie dieses 180 jährige Unternehmen zu viel.

Schlimmer als die Insolvenz an sich ist jedoch, dass Deutschland selbst in einem derart desolaten Zustand ist, als dass ein derartiges Nischenunternehmen mit gewachsener, treuer Kundschaft und loyalen, langjährigen Mitarbeitern, urplötzlich nicht mehr genug verkaufen kann, um den unaufhaltsam steigenden Kosten zu genügen. Hinzu kommt, das gewählte Beispiel ist ja nur eines von aktuell tausenden mittelständischen Unternehmen landesweit, die in der Bredouille sind, und damit die Substanz von Deutschlands Wirtschaft darstellten. Wenn wir, wie die letzten drei Regierungen, ungerührt zulassen, dass sich die Wirbelsäule des Landes quasi in Staub auflöst, dann ist selbst der Gang zum Therapeuten fast schon sinnlos, denn der kann nur noch nachbereiten, aber nicht mehr Aufbauarbeit leisten.

Bleibt Punkt Nr. 4: eines von bisher gar nicht wenigen Unternehmen Deutschlands, nämlich eines, das bereits Ende des Mittelalters gegründet wurde und seither 15 Generationen lang in der Familie blieb. Ein Unternehmen, dass sogar dem Dreißigjährigen Krieg trotzte, das den Absolutismus überstand, Napoleon, Metternich, Wilhelm II, Hitler, die Besatzung und den Neuanfang, um nun vor zu viel und zu teurer Bürokratie, zu hohen Energiekosten und Steuern und Abgaben, vor gestiegenen Löhnen, aber letztlich an untreu gewordenen Kunden zu scheitern, denen die 3-5 Cent weniger, dafür mit viel Chemie und Zucker ungesund aufgepeppten Backwaren beim Supermarkt wichtiger sind, als ein gesundes traditionelles Brot oder Backwaren. Es ist ein ungeheures Desaster, dass inzwischen selbst derart flexible, resiliente Unternehmen, deren Besitzer und Mitarbeiter 435 Jahre lang bewiesen haben, dass sie sich auf veränderte Umstände, Politik, Steuern, Löhne, Behörden etc. umzustellen verstanden, nun, durch einen Taschenspieler im Weißen Haus und dessen irrsinnige Politik, die nicht nur die ganze Welt, sondern sein eigenes Land in den Abgrund zeiht, zum Aufgeben gezwungen zu sein, in diesem Fall, wie die Inhaberin stolz sagt, um in Würde zu gehen und nicht erst, wenn der Bankrott bereits an der Ladentür lauert.

Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie entsetzlich dieser Schritt für Jemanden sein muss, der am Ende einer Kette von 15 Generationen steht, und nun nicht nur das eigene, sondern das Lebenswerk einer ganzen Familie und vieler Generationen zu Grab tragen muss. Ich bin überzeugt, selbst die abtrünnig gewordenen Kunden, die um einiger Cent willen abwanderten, werden, wenn dar Laden verschwunden ist und mit ihm seine einmaligen Backwaren, langsam begreifen, was sie verloren haben. Ich spreche an dieser Stell insofern aus eigener Erfahrung, als die alte, nur über 3 Generationen bestehende Bäckerei am Wohnsitz meiner Großeltern dicht machen musste, weil eine große Filialkette billige war. Die Kette übernahm seinen Laden, war aber zu geizig, dem Bäckermeister für seinen Sauerteig und seine Rezepte einen ordentlichen, fairen Abstand zu zahlen. Die Rechnung der Kette ging nicht auf, dennoch alle Kunden zu behalten. Denn nachdem ich zum ersten und letzten Mal nach dem Besitzerwechsel die Bäckerei aufsuchte um das vermeintlich traditionelle Brot zu kaufen, war die Enttäuschung vorprogrammiert. Das Brot war eine Allerweltsmischung aus einem Automaten. Der einzigartige Sauerteig, aber auch der alte Holzkohleofen fehlten, sowie die sorgfältig ausgewählten Vorprodukte zur Brotherstellung. Ich konnte das miese Brot nicht essen und schmiss erstmals im Leben einen fast vollständigen Laib fort.

Was würde ich dafür geben, ein einziges Mal in meinem Leben in dem alten Laden zu stehen, den unvergleichlichen Duft von Backwaren in der Nase zu haben, sowie das traditionelle Brot kaufen und essen zu können, dessen Geschmack so einzigartig war, dass ich nie im Leben ein auch nur annähernd so gut schmeckendes Brot entdeckte. Das Brot war derart gut, sowohl vom Geschmack als seiner Konsistenz her, dass ich es oft pur aß, ohne Aufstrich oder Belag, um einfach nur diesen urwüchsigen, hervorragenden und gesunden Geschmack von traditionellem Brot zu schmecken.

Mir ist bewusst, dass ein Großteil der jungen Generation derartige Erfahrungen nie machen konnte. Sie sind das labberige, verzuckerte und chemisch angereicherte Zeug aus dem Supermarkt gewöhnt. Man kann ja schlecht etwas vermissen, was man nie gekannt und geschmeckt hat. Dennoch empfinde ich Mitleid mit der jungen Generation, darum, welche optischen, emotionalen, geschmacklichen Erlebnisse ihnen für immer vorenthalten bleiben.

Obwohl es bereits Fünf nach Zwölf für eine Therapie ist, gehe ich davon aus, dass sich das Land weiter davor drücken wird. Das bedeutet, der Brain-drain wird anhalten, mehr Leistungsträger und Menschen die klar sehen sowie es sich leisten können, werden dem Land den Rücken kehren. Was zurück bleibt, wird die Probleme verschärfen, statt sie beherzt mit einer radikalen Therapie anzugehen. Das war mir lange nicht so deutlich wie diese Woche, angesichts der angesprochenen Symptome. In Abwandlung des Reinhard May Lieds, muss es aktuell heißen: „Gute Nacht Freunde, es wird Zeit für mich zu gehn ….“, da sich Deutschland trotz all seiner gesammelten Probleme als therapieresistent erwiesen hat: siehe Beamte, Behörden, Steuern, Bundeswehr, Wehrdienst, Parteien, Bundestag, Jobcenter … etc.

Titelbild: Stan Schwarz CC BY-SA 2.0 DEED via FlickR

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