Von Frederik D. Tunnat

Der Untergang des Abendlandes war Titel des kulturphilosophischen Hauptwerks von Oswald Spengler, das 1918 und 1922 erschien, also während und kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs. Spengler vergleicht darin das europäisch-nordamerikanische Abendland mit sieben vormaligen Hochkulturen. Seine Prognose der künftigen Entwicklung des Abendlandes formulierte Spengler als die berühmt-berüchtigte These des „Untergangs“ als notwendiger und im Grunde „natürlicher“ Abschluss einer vorausgehenden Blüte- und anschließenden Abstiegszeit. Spengler sah Weltgeschichte als Folge immer wiederkehrenden Aufstiegs und Niedergangs von Kulturen und Zivilisationen.

Insofern sei mir gestattet, angesichts der massiert auftretenden, aktuellen Bedrohungen und Ereignisse, diesen Vergleich zu ziehen. Wenngleich noch kein europa- oder weltweiter Krieg, trägt der Krieg Russlands gegen die Ukraine allein bereits den Keim zum Untergang der europäischen Friedens- und Kulturordnung nach Ende des Zweiten Weltkriegs in sich.

Nimmt man hinzu, was uns seit einer Woche in Atem hält und umtreibt: die Invasion der USA in Venezuela mitsamt des Kidnapping des amtierenden Präsidenten – wie legal oder illegal er im Amt gewesen sein mag oder nicht – haben wir den zweiten, ultimativen Beweis für den neuerlichen Untergang des Abendlands vor Augen.

Hinzu kommt die unverhohlene, massive Drohung des amtierenden US Präsidenten Trump, Grönland, ein Territorium innerhalb der Nato und des Abendlands, zugehörig zum EU und Nato-Land Dänemark, mit militärischer Gewalt einnehmen zu wollen, so sich Dänemark und die Grönländer nicht freiwillig in ihr Schicksal fügen. Das bedeutet in letzter Konsequenz, wenn es dazu kommt – woran nach jüngsten Interviews Trumps kein Zweifel bestehen sollte – Krieg zwischen bisherigen Bündnispartnern und damit das Ende von Nato und westlichem Abendland.

Nehmen wir drittens die permanenten Drohungen und unverhohlenen Gebietsansprüche Russlands gegen Europa, weit über die Ukraine hinaus, hinzu, so mag nicht verwundern, wenn in der jüngsten Meinungsumfrage Deutschlands Einwohner zusätzlich zur international explosiven Gemengelage äußerst „beunruhigt“ über die inneren Verhältnisse im eigenen Land sind, angeblich das entscheidende, größte und wichtigste Land innerhalb der EU.  84 Prozent der Bürger sehen in den „Verhältnissen derzeit in Deutschland“ eher Anlass zur „Beunruhigung“. Nur 13 Prozent finden hingegen, es bestehe eher Grund zur „Zuversicht“. Fast alle AfD-Anhänger – nämlich 99 Prozent – äußern diese Beunruhigung. Was absolut nichts Gutes für die Wahlen diesen Jahres, die anstehen, erwarten lässt.

Die Bewertung der „gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage“ Deutschlands fällt überwiegend negativ aus, was angesichts aberwitzig gestiegener Insolvenzen, Abwanderung zahlreicher Industrieunternehmen, einbrechender Exporte und dem anhaltenden Zollstreit mit den USA, vom Konflikt mit China ganz zu schweigen, absolut kein Wunder ist. 78 Prozent der Bürger sind „weniger“ oder „gar nicht“ mit der Arbeit des amtierenden Bundeskanzlers Friedrich Merz zufrieden. Allein dies wäre in „normalen“ Zeiten ein bedrohlicher Fakt. Im Gemenge mit den anderen aufgezählten internationalen Problemen, und ohne auf die zerbrechliche innere Verfasstheit der EU und der Nato erst gar nicht näher einzugehen, in der Tat Szenarien, die einen Untergang wahrscheinlich werden lassen.

Hinzu kommt, dass sich die USA aktuell in der „Geiselhaft“ einer nationalistisch, isolationistischen Bewegung befinden, deren Anführer und oberster Repräsentant sich zwar Präsident nennt, sich jedoch als absoluten Herrscher der Welt betrachtet, der internationales Recht und Verträge als nichtig und irrelevant betrachtet und sich innenpolitisch wie außenpolitisch auf einer Abbruchmission sämtlicher westlicher Werte und Moral befindet. Wem insofern nicht der Begriff vom Untergang in den Sinn kommt, ist entweder uninformiert, ignorant oder schlicht naiv.

Das bringt mich zum eigentlichen Sinn und Zweck dieser Zeilen. Wir haben es bei Trump mit einer Person zu tun, die sich an keinerlei Regeln hält, der Gesetze und Vereinbarungen nichts bedeuten, der alles und jeden für das Aufflackern seiner Hybris verrät und vor den Zug wirft. Gegenüber solchen Personen hilft die in Europa und der EU kultivierte Verhandlungsmethode, das Akzeptieren von selbst schwierigen Kompromissen Null Komma nichts. Trump und seinesgleichen nutzen Drohungen und, so man sie ermutigt oder lässt, rohe Gewalt, wie der Angriff auf Venezuela beweist.

Insofern ist die instinktive Vorgehensweise der EU Mitglieder, Trump erneut Entgegenkommen und Verhandlungsbereitschaft bis zur Selbstverleugnung, wie im Zollstreit, anzubieten, die dümmste und falscheste mögliche Reaktion. Personen wie Trump reagieren nur auf Gegengewalt. Sobald Menschen wie er erkennen, dass sich ihr Gegenüber nicht verbal einschüchtern lässt, sondern bereit ist zu kämpfen, zucken sie zurück. Auch Putin wäre zurück gezuckt, hätte nie die Ukraine angegriffen, wäre Europa ihm 2014 entgegen getreten, statt ihm immer neue Konzessionen zu machen. Das Prinzip Merkel und das Brüsseler Geschacher sind an ihr Ende gelangt. Das Einzige, was eine militärische Invasion Grönlands durch die USA verhindern kann, ist, Trump und den USA endlich klare Kante zu zeigen, statt ihm zum wiederholten Mal den Ring zu küssen und vor ihm im Staub zu kriechen.

Jede andere, als eine harte, konsequente Reaktion wird das Gegenteil dessen erreichen, was Europa sich erhofft und braucht. Doch so wie ich die aktuellen politischen Akteure einschätze, die innenpolitisch gelähmten Macron und Merz, sowie die von ihren gewaltigen Egoismen und nationalen Aufwallungen inspirierten anderen entscheidenden EU Akteure, die deckungsgleich mit denen der Nato sind, erwarte ich alles andere, nur nicht eine klare und feste Reaktion gegenüber der Übernahmedrohung Grönlands. Dies wird den bereits eingeleiteten Untergang des Abendlands beschleunigen, nicht aufhalten oder gar verhindern.

Politiker wie Churchill, Bismarck oder selbst Adenauer hätten instinktiv gewusst, was die Situation von ihnen fordert und verlangen würde. Unsere heutigen Schönwetterpolitiker, die nicht einmal in der Lage sind und waren eine lächerliche politische Schachfigur wie Orban wirksam zu isolieren, haben nicht das Format, sich gegenüber dem Scheinriesen Trump durchzusetzen. Insofern wird das Verhängnis in Form der Besetzung Grönlands, der Auflösung der Nato und aller daraus sich ergebender Untergangsszenarien seinen unweigerlichen Anfang nehmen.

Ich persönlich fühle mich an die Tage und Stunden vor dem Ultimatum von Bad Ems 1870 erinnert, als Bismarck Napoleon III. eiskalt in die von diesem selbst gestellte Falle lockte und damit den Deutsch-Französischen Krieg auslöste, der unweigerlich zum Ersten und dann zum Zweiten Weltkrieg führen musste. Bismarck wusste genau wen er wie zu manipulieren hatte, in welchem Augenblick er klare Kante und wo Entgegenkommen einsetzen musste, um sein Ziel, die Errichtung des zweiten Deutschen Kaiserreichs zu erreichen. Dass er dies in Versailles tat, war der entscheidende Fehler seines ansonsten genialen Plans. Denn die Demütigung Frankreichs enthielt bereits im Januar 1871 genau jenen Keim in sich, der letztlich in den Ersten Weltkrieg führte. Dass damals auf Deutschlands Thron ein absoluter Idiot saß, der in mehr als einem Charakterzug gefährlich an Trump erinnert, ist nebensächlich, denn anders als Wilhelm II. hält Trump tatsächlich aktuell die größte und gefährlichste Macht der Welt in Händen.

Wie in den letzten Julitagen und Anfang August 1914 schlafwandelt Europa aktuell wieder in den ultimativen eigenen Untergang. Anders als seinerzeit, ist aktuell jedoch das genaue Gegenteil angesagt: statt wie damalig Deeskalation, ist heute bedingungslose Eskalation angesagt.

Leider wird die angesichts der Laienschauspieler, über die das europäische Theater in Brüssel und der EU verfügt nichts dergleichen passieren. Marschieren wir also gemeinsam, wie 1914, sehenden Auges ins eigene Verderben! Diesmal aus genau den gegenteiligen Gründen.

Titelbild:  Tupinicomics CC BY-NC-ND 2.0 DEED via FlickR

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