Von Frederik D. Tunnat
Die jüngste Rentendiskussion dreht sich um das Rentenpaket 2025 der schwarz-roten Regierung unter Kanzler Friedrich Merz, das eine Stabilisierung des Rentenniveaus bei 48% bis 2031 vorsieht, um einen drohenden Sinkflug zu verhindern. Im Zentrum steht u.a. ein Streit innerhalb der Union: Die Junge Union kritisiert die langfristige Fixierung des Niveaus und versuchte das Paket teilweise zu blockieren, was zu hecktischen Verhandlungen führte, ähnlich wie auf einem Hühnerhof. Merz fordert eine tabulose Rentenkommission bis Ende 2025. Weitere Inhalte des Rentenpakets sind die Ausweitung der Mütterrente III (drei Jahre Kindererziehungszeiten auch für vor 1992 Geborene) und die Aufhebung des Anschlussverbots für Weiterarbeitende. Soweit die groben Fakten.
Auswirkungen für aktuelle Rentner
Aktuelle Rentner profitieren von der Verlängerung der Haltelinie bis 2031: Ihr Rentenniveau bleibt bei 48% des Durchschnittslohns gesichert, was durch zusätzliche Steuermittel finanziert wird um einen Rückgang zu verhindern. Die Mütterrente III gleicht Lücken im Rentenverlauf für Mütter aus, d.h. für sie bringt die Rentenanpassung Juli 2025 Erhöhungen; zudem wird Weiterarbeit erleichtert. Mittelfristig bleibt die Verlässlichkeit der gesetzlichen Rente so auf abgesenktem Niveau erhalten.
Auswirkungen für künftige Rentner
Künftige Rentner (z. B. Bis 2031) können auf ein stabiles Niveau von 48% hoffen, was höher ist als ohne Reform (die Prognose besagte: ohne Stabilisierung würde das Rentenniveau unter 45% bis 2070 absacken), deutlich unter das frühere Niveau von 50%. Die Kommission wird weitere Anpassungen bringen, also Beitragserhöhungen, Rentenalter-Anhebungen. Kritiker warnen seit Jahrzehnten vor den absehbaren Belastungen durch die Demografie (mehr Babyboomer in Rente, die jüngere Generation hat deutlich weniger Kinder, sprich künftige Beitragszahler produziert). Die betriebliche Altersvorsorge muss gestärkt werden, um absehbare Lücken zu schließen.
Kritik der Arbeitgeber
Arbeitgeberverbände wie der BDA (Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände) kritisieren das Rentenpaket 2025 scharf als „teuerstes Sozialgesetz dieses Jahrhunderts“ mit Kosten von rund 50 Milliarden Euro bis 2031, was zu höheren Beiträgen, steigenden Arbeitskosten und Belastungen für künftige Generationen führe. Präsident Rainer Dulger warnt vor einem „Bumerang“ für die Wirtschaft, da Bundeszuschüsse explodieren und Investitionen oder Entlastungen fehlen; sie fordern ein Festhalten an der alten Rentenformel statt der 48%-Haltelinie. Dabei sollten die Arbeitgeber sehr demütig sein, und ihren Anteil am Zustandekommen von Deutschlands Rentenmisere in Anrechnung bringen. Das Netzwerk Steuergerechtigkeit und Oxfam schätzten im Jahr 2024, dass dem deutschen Staat allein bis Ende 2023 mindestens 380 Milliarden Euro an Steuereinnahmen entgangen sind, weil die Vermögensteuer seit 1997 nicht mehr erhoben wird. Mittlerweile, Ende 2025 sind es deutlich über 400 Milliarden Euro, die Deutschlands Steuerzahler und damit auch heutige Rentner aufgebracht haben, um ihnen traumhafte Renditen und gewaltige Vermögen zu ermöglichen. Dagegen sind die 50 Milliarden fürs Rentenpaket das, was Kanzler Schröder gern „Peanuts“ nannte!
Kritik der Jugend (Junge Union)
Die Junge Union innerhalb der Union blockierte und kritisierte das Paket als nicht nachhaltig, da es das Rentenniveau künstlich hochhalte und junge Generationen durch höhere Beiträge oder Steuern belaste, ohne echte Reformen wie Rentenalter-Anhebung. Sie sehen darin ein „Wahlversprechen“ auf Kosten der Zukunft bzw. der jungen Generation und fordern eine tabulose Kommission bis Ende 2025.
Die Kommission bekommen sie. Dennoch sollte an dieser Stelle auf Ungereimtheiten in der aktuellen Rentendiskussion und den herbeigeredeten Generationenkonflikt gesprochen werden:
Ohne die Tatsache, dass es in jeder Generationen ihre Eltern waren, die unter entsprechenden materiellen und persönlichen Entbehrungen für Nachwuchs sorgten, würde es sie nicht geben! Dass jede jüngere Generation zunehmend weniger Kinder produzierte, stattdessen dem Dolce Vita fröhnte, einseitig der heutigen Nachkriegsgeneration als aktuellen Rentner vorzuhalten ist mindestens Chuzpe, wenn nicht gar unverschämt. Denn soweit ich die Statistiken lese, hat die Boomergeneration nicht nur Deutschland mit aufgebaut; sie hat sich vielfach verschuldet um Eigenheime, Eigentumswohnungen oder gar Mehrfanilienhäuser zu bauen und binnen 25 bis 30 Jahren zu finanzieren; sie hat die Hartz IV Gesetzgebung über sich ergehen lassen, die sie um das eigentlich zugesagte Rentenniveau von mindestens 50% sowie Anhebung des Rentenalters brachte. Sie hat gemeinsam mit der älteren, inzwischen weitgehend verstorbenen Generation Land und Infrastruktur aufgebaut, hat die Wiedervereinigung gestemmt, hat 15 Millionen nie einzahlende DDR Rentner ins System integriert und ihnen inzwischen höhere Renten ermöglicht, als vielen im Westen. Die Boomer haben dafür gesorgt, dass heute ein weit höherer Anteil der jungen Generation studieren kann und somit deutlich bessere Zukunftschancen besitzt, als ihre Elterngeneration. Dennoch wird in der aktuellen Diskussion so getan, als seien die Boomer undankbare Schmarotzer. Dabei waren es zahlreiche Fehlentscheidungen von CDU/CSU wie SPD Regierungen, die anders als unsere europäischen Nachbarn, Entscheidungen nicht getroffen, verschoben oder falsch entschieden haben. Denn bei der Umschau in die Rentensysteme vieler Nachbarstaaten sehen wir, dass es dort möglich war und ist, weit gerechtere, auskömmliche Renten zu finanzieren, ohne dass deshalb die dortigen Unternehmer Zeter und Mordio schreien.
Kritik der Gewerkschaften
Gewerkschaften wie IG Metall halten das Paket für unzureichend, da die Stabilisierung bei 48% bis 2031 den Rückgang nur „kurz bremse“ und keine langfristige Anhebung auf 50% oder mehr bringe; sie fordern stärkere Absicherung gegen Altersarmut und mehr Investitionen in die gesetzliche Rente. Leider waren es die Gewerkschaften, die zugelassen haben, dass ihre Bedeutung in den letzten 40 Jahren dramatisch nachließ, sie heute deutlich weniger Arbeitnehmer repräsentieren, als früher, was prekäre Einkommen und noch prekärere Renten zur Folge hatte. Hätten die Gewerkschaften Mittel und Wege gefunden die Tarifbindung auf dem früheren hohen Niveau zu halten, wätten wir die aktuelle Diskussion in dieser Form und Schärfe überhaupt nicht.
Finanzierung durch Steuerzahler und Rentner
In der Diskussion über Deutschlands Renten wird immer so getan, als handele es sich um eine Sozialleistung des Staates an seine alten Bürger. Das ist in dieser Form nicht korrekt. Tatsächlich erbringen Rentner während ihrer aktiven Arbeitszeit, also zwischen 35 bis 45 Jahre lang, die sog. Sozialbeiträge auf, sprich zahlen gemeinsam mit ihren Arbeitgebern in das Rentensystem ein. Hier die Zahlen für 2024:
| Einnahmeposten (Schätzung 2024) | Betrag (Mrd. €) | Anteil an Gesamteinnahmen |
|---|---|---|
| Beitragseinnahmen | ca. 305,3 | ca. 77,0 % |
| Bundeszuschüsse | ca. 87,7 | ca. 22,1 % |
| Sonstige Einnahmen | ca. 3,6 | ca. 0,9 % |
| Gesamteinnahmen | ca. 396,6 | 100 % |
- Der direkte Anteil der Beitragseinnahmen an den Rentenausgaben
Die gesamten Ausgaben für Renten (Alters-, Hinterbliebenen-, Erwerbsminderungsrenten) werden für 2024 auf rund 344,4 Milliarden Euro geschätzt.
Beiträge im Verhältnis zu den Rentenzahlungen:
Anteil = Beitragseinnahmen/ Rentenausgaben = 305,3 Mrd. € / 344,5 Mrd. € = 88,6%
Die Beitragseinnahmen decken demnach etwa 88,6 % der tatsächlich ausgezahlten Renten. Die restlichen ca. 11,4 % der Rentenzahlungen sowie weitere Ausgaben (wie Verwaltungskosten, Beiträge zur Krankenversicherung der Rentner (KVdR), Leistungen zur Teilhabe) müssen durch Bundeszuschüsse und sonstige Einnahmen gedeckt werden.
Diese sehr simple, einfach nachzuvollziehende „Milchmädchen“-Rechnung beweist, dass Rentner nach wie vor den Löwenanteil der Renten selbst erbringen, gemeinsam mit den Arbeitgebern zu fast 90%. Ob es des üppigen Beamtenapparats mit seinen hohen Gehältern und Pensionen tatsächlich in diesem Umfang bedarf, wäre eine Frage, die eine radikale Rentenkommission mal klären und ausrechnen sollte. Ich bin überzeugt, da ließen sich locker die fehlenden 10-12% einsparen.
- Abzweigung von Rentenbeiträgen für „versicherungsfremde Leistungen“
Als versicherungsfremde Leistungen werden Rentenleistungen bezeichnet, die nicht durch eine ausreichende, eigene Beitragszahlung gedeckt sind, aber aus gesamtgesellschaftlichen Gründen vom Gesetzgeber beschlossen und über die Rentenkasse ausgezahlt werden.
Betrachten wir die Höhe der versicherungsfremden Leistungen (Schätzungen), wobei deren Schätzungen je nach Definition variieren.
Laut DRV (enge Abgrenzung 2023): ca. 68,2 Mrd. Euro
Laut DRV (erweiterte Abgrenzung/Experten-Schätzungen 2024): bis zu 112 Mrd. Euro
Wir haben es also finanziell scheinbar mit einer Unterdeckung zu tun, denn wenn man die Bundeszuschüsse (ca. 87,7 Mrd. €) der geschätzten Gesamthöhe der versicherungsfremden Leistungen (z.B. 112 Mrd. €) gegenüberstellt, ergibt sich eine rechnerische Lücke. Diese Lücke wird, das gehört zur Wahrheit, aus den regulären Beitragseinnahmen der Arbeitnehmer und Arbeitgeber finanziert, mit anderen Worten: nicht unerhebliche Teile unser aller abgeführter Beiträge werden durch Regierung und Politik ausgabewidrig, d.h. nicht für den eigentlichen Zweck verwendet!
Die gängige Schätzung der Unterdeckung, die von Beitragszahlern getragen wird, liegt bei mehreren Milliarden Euro jährlich. Experten und der Bundesrechnungshof kritisieren seit Langem, dass die tatsächliche Belastung der Beitragszahler aufgrund der fehlenden klaren Abgrenzung sehr intransparent ist.
Würde in diesem Zusammenhang das „Goldene Kalb“ Deutschlands, nämlich das Nichtbeitrags-Privileg der Beamten und Selbstständigen endlich geschlachtet und, wie in vielen anderen Staaten üblich, mit zur Beitragszahlung herangezogen, würden sich die Einnahmeergebnisse ähnlich positiv verändern, wie in Österreich, den Niederlanden oder in Skandinavien. Über all diese elementar zusammenhängenden Fakten wird jedoch weder aktuell noch generell in Deutschland diskutiert. Die Leidtragenden und Dummen sind die Rentenbeitragszahler wie die Rentner, deren Beiträge teils zweckentfremdet werden ohne dass sie ein Mitspracherecht dabei haben. Das der eigentliche Skandal. Deshalb mein Vergleich mit einem Hühnerhof.
Wie krass es um das deutsche Rentensystem bestellt ist, wird an einigen wenigen Paradiesvögeln der Republik überdeutlich. Ich spreche von den nur spärlich, vermutlich aus Scham, üblicherweise verschwiegenen Rentenbeträgen deutscher Prominenter. Viele deutsche Stars aus TV, Schauspiel und Musik erhalten trotz beachtlicher beruflicher Karrieren niedrige gesetzliche Renten, oft unter 1.000 Euro monatlich.
| Prominenter | Rente (ca. monatlich, brutto) | Quelle(n) |
|---|---|---|
| Thomas Gottschalk | 916 € | heute |
| Harald Schmidt | 1.100 € (800 € gesetzlich + 300 € Versorgung) | focus |
| Hannes Jaenicke | < 1.000 € (dreistellig) | focus |
| G.G. Anderson | 41 € | merkur |
| Oliver Pocher | niedrig (exakte Summe nicht öffentlich) | merkur |
Die Renten, die namhafte deutsche Stars wie Thomas Gottschalk (ca. 916 Euro) oder Harald Schmidt (rund 1.100 Euro) monatlich erhalten, sind im Vergleich zur Durchschnittsrente deutscher Normalrentner niedriger als erwartet. Im Juli 2025 liegt die Durchschnittsrente in Deutschland bei rund 1.100 Euro brutto, wobei Männer im Schnitt etwa 1.346 Euro und Frauen etwa 903 Euro erhalten. Wer 45 Jahre lang durchschnittlich verdient hat, kann rein rechnerisch mit einer unrealistischen Standardrente von etwa 1.835 Euro brutto rechnen. Gewisse Promis rutschten, etwa Ingrid Steeger, sogar zeitweilig in Hartz IV ab.
Im europäischen Vergleich schneiden deutsche Renten überaus bescheiden ab. Länder wie Dänemark, Schweden, Norwegen, die Niederlande und Österreich bieten ihren Rentnern deutlich höhere Leistungen. Zum Beispiel liegt die Durchschnittsrente in Dänemark bei über 2.000 Euro, in Schweden und Norwegen ebenfalls über 1.800 Euro, oft inklusive eines staatlich garantierten Mindesteinkommens. In den Niederlanden und Österreich sind Rentenhöhen vergleichbar oder höher als die deutsche Standardrente, was die deutsche Altersversorgung im EU-Vergleich als eher niedrig dastehen lässt.
Diese Diskrepanz zeigt, wie beschämend gering viele deutsche Renten, selbst bei Prominenten, ausfallen, insbesondere wenn man bedenkt, dass Normalrentner häufig deutlich mehr bekommen als die bekannten Schauspieler oder TV-Größen.
Selbstverständlich nagen nicht viele unserer Promis trotz niedriger Rente am Hungertuch, da es ihnen möglich war, privat vorzusorgen. Doch die Tatsache, dass ein Promi wie Gottschalck, der viele Jahre im öffentlichen Dienst bei Rundfunk und Fernsehen tätig war ohne seinen Sparstrumpf zu Deutschlands Armutsrentnern gehört, zeigt, wie schlimm es ums deutsche Rentensystem bestellt ist.
OECD Pensions at a Glance 2025: EU-Länder-Übersicht
Der jüngste OECD-Bericht „Pensions at a Glance 2025“ fasst Rentenindikatoren für OECD- und EU-Länder zusammen, mit Fokus auf Nettoersatzquoten (Anteil der Rente am letzten Nettoeinkommen), Rentenniveaus und Reformen. Exakte Tabellen aus dem Bericht listen Durchschnittswerte für Vollkarriere-Arbeitnehmer; hier eine Zusammenfassung relevanter EU-Indikatoren basierend auf verfügbaren Auszügen (Durchschnittswerte netto, % des Vorruhestandseinkommens).
| EU-Land | Nettoersatzquote (Durchschnitt) | Zukünftige Quote (Vollkarriere) | Normales Rentenalter (Männer) |
|---|---|---|---|
| Deutschland | ca. 53% | ca. 61% | 66,3 Jahre |
| Niederlande | >90% | >90% | >70 Jahre |
| Dänemark | 84% | hoch | >70 Jahre |
| Schweden | hoch (ca. 73% für Niedrigverdiener) | 73%+ | >70 Jahre |
| Österreich | mittel-hoch | – | – |
| Italien | hoch | – | >70 Jahre |
| Spanien | mittel | – | – |
| EU/OECD-Schnitt | 61% (Vollkarriere) | 40-90% (je Land) | 64,4 → 66,3 Jahre |
Diese Werte berücksichtigen Reformen bis 2025, wie Erhöhungen des Rentenalters in Dänemark, Niederlanden und Schweden sowie Indexierungsanpassungen in Spanien. Deutschland liegt, wie bekannt und zu sehen, deutlich unter dem OECD-Durchschnitt, nämlich bereits 15% unter OECD Durchschnitt, während Nord- und Westeuropäer höhere Quoten aufweisen. Diese Daten zeigen das ganze Dilemma deutscher Renten und ihre ungerechte Finanzierung auf. Viel Arbeit für eine künftige Rentenkommission. Hoffen wir, sie wagen sich, statt Rentner und Betragszahler weiter einseitig zu belasten endlich an das „Goldene Kalb“, d.h. die Rentner, deren Pensionen, die Politiker-Altersbezüge, sowie die Selbständigen heran. Denn dies alles hat mit der Rente und ihrem unterirdisch schlechten Resultat in Deutschland, immerhin noch das wohlhabendste Land Europas, zu tun. Zwei große, bis heute enorm privilegierte Bevölkerungsgruppen beim bevorstehenden Veitstanz außen vorzulassen, wie bisher, das wäre es wert für die junge Generation, sich aufzulehnen und dagegen anzugehen, statt die bereits mehrfach gemolkenen Rentner zu ihren Feinden zu erklären. Denn bei genauer Betrachtung sitzen wir gemeinsam in ein und demselben Boot.
Bleibt zu hoffen, dass ein neuer Hahn oder auch ein paar neue Hennen den Hühnerhof deutsche Rente endlich mal wirklich, radikal, aber dann doch bitte zukunftsorientiert und, wie in einer Demokratie üblich, für alle Bürger gleichermaßen finanziell beitragend gestalten.
Titelbild: Hanna Penzer (2025)
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