Von Frederik D. Tunnat
Die jüngste Kritik führender Armutsforscher, das Statistische Bundesamt habe durch eine veränderte Berechnungsmethode in den Armutsstatistiken über 1 Mio. „arme“ Menschen – darunter Armuts-Rentner – statistisch verschwinden lassen, sorgt für hitzige Debatten. Doch wird hierbei übersehen, dass der Rückgang der Zahlen kein statistischer Fehler, noch finsterer politischer Machenschaften ist, sondern eher eine notwendige Korrektur bisher überzogener, realitätsferner Armutsdefinition darstellt.
Das Problem einseitiger, einkommensbezogener Armutssstatistik
Die bislang gängige Messung von Altersarmut orientiert sich allein am Einkommen: Wer weniger als 60% des bundesweiten Medianeinkommens zur Verfügung hat, gilt als armutsgefährdet. Dies trifft laut aktuellen Daten auch auf etwa 3,5 Mio. Rentnerinnen und Rentner über 65 zu – rund ein Fünftel dieser Altersgruppe.
Was dabei ignoriert wird: Ein erheblicher Teil dieser „Armuts-Gefährdeten“ besitzt eine abgezahlte Immobilie oder nennenswerte Rücklagen. Viele Ältere leben mietfrei im eigenen Haus oder in Eigentumswohnungen – ein Faktor, der ihre finanzielle Sicherheit massiv verbessert, aber in der Statistik nicht auftaucht, da diese keinerlei Vermögen berücksichtigt. Diverse Studien und Analysen deuten andererseits darauf hin, dass etwa ein Viertel bis ein Drittel der scheinbar „Armen“, vornehmlich Rentner, tatsächlich über solide Vermögenswerte verfügt. Hochgerechnet bedeutet das: Von 3,5 Mio. „von Armut Betroffenen“ gehören bis zu 1,2 Mio. de facto zu den Vermögenden, sind also weder arm noch armutsgefährdet. Damit rechnet die nach EU Kriterien berechnete Armutsstatistik nicht, wie behauptet über eine Million Arme heraus, sondern entspricht ungefähr den realen Werten, die wegen fehlender Vermögensberücksichtigung im Abgleich mit den Einkommen nicht konkret errechnet werden können, aber laut der realistischen Schätzung oben tatsächlich in die rein einkommensbasierte Armutsstatistik gehören. Insofern ein Sturm im statistisch aufgeheizten Wasserglas.
Vermögensdaten fehlen in den offiziellen Armuts-Statistiken der Bundesrepublik
Sozialforscher monieren aktuell das angebliche „statistische Verschwinden“ einer Million Armer und warnen deshalb vor Beschönigung sowie politischer Intrige. Doch sie verschweigen dabei bewusst den ihnen bekannten Sachverhalt, dass die bisherige Statistik Armut systematisch überschätzt, weil in ihr Vermögen ausgeblendet bleiben – selbst bei der nun strikteren Erhebung gemäß EU Statistik. Der angebliche Skandal ist somit eher ein methodischer, da der dringend notwendige Abgleich mit der Lebenswirklichkeit via Vermögensstatistik mangels Nichtvorhandenseins unterbleibt: Wer mietfrei wohnt und/oder über Vermögen verfügt, ist deutlich besser abgesichert, als die auf reiner Einkommensstatistik basierende Armutsstatistik suggeriert.
Das Statistische Bundesamt reagiert somit nicht mit „Verschleierung“, sondern sogar, ohne die dringend notwendige Differenzierung des Armutsbegriffs und seiner statistisch korrekten Erfassung vorzunehmen, realitätsgerechter als bisher. Damit praktiziert das Amt genau das, was viele Sozialrechtler und Ökonomen seit Jahren zu Recht fordern: eine realistischere Abbildung von Armut, die statistisch den tatsächlichen Lebensstandard inklusive Vermögen berücksichtigt.
Das bedeutet:
Das monierte „statistische Verschwinden“ von etwa einer Million Menschen aus der Armutsstatistik stellt nicht, wie behauptet, ein statistisches oder gar politisch motiviertes Problem dar, sondern ist das Ergebnis einer ersten, dringend gebotenen Nachjustierung realitätsferner Messtradition unseres Statistik(un)wesens. Tatsächlich sollte das statistisch ausgewiesene Armutsrisiko mehrdimensionale Lebensrealitäten einbeziehen und sich nicht, wie bisher, pauschal nur auf Einkommen fokussieren. Die harte Kritik aus der Sozialforschung an der geänderten Statistik blendet diesen wichtigen Korrekturhintergrund jedoch völlig aus. Die Debatte sollte sich nicht so sehr um die vermeintliche Methodik drehen, sondern weit stärker um Qualität und Aussagekraft der künftigen, realistischen Messung von Armut. Insofern stellt die geänderte Statistikmethodik ein erstes Signal für mehr Ehrlichkeit der sozialen Lagebeschreibung Armer dar, als dass sie zu einseitigem Alarmismus Anlass gibt.
Titelbild: Statistik by Tim Reckmann CC BY 2.0 DEED via FlickR
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