FMDO* ist ein Verein, der im niederländischsprachigen Teil Belgiens – also in Flandern und Brüssel – Migrantinnen und Migranten mit unterschiedlichen Projekten unterstützt. Ein Projekt ist Twee (T)Huizen Eén Gids** (Zwei Zuhause, ein Stadtführer). Amer, der 2010 von Palästina nach Brüssel kam, ist einer dieser Stadtführer in Brüssel. In diesem Interview erzählt er über seine Erfahrungen als Migrant und Stadtführer in Brüssel, aber auch über seine Heimt Palästina und weshalb er nach Brüssel gekommen ist. Das Interview hat Aerin Thijs gemacht. Sie macht derzeit ein Praktikum bei FMDO. Die Übersetzung des Interviews ins Deutsche und die Wiedergabe auf Europa.Blog erfolgt mit Zustimmung von FMDO und Amer. Das Interview wurde ursprünglich am 2. Dezember 2025 auf der Webseite von FMDO veröffentlicht.
Von Aerin Thijs
Wussten Sie, dass Menschen, die ehrenamtlich tätig sind, sich im Durchschnitt fünf Jahre jünger fühlen? Freiwilligenarbeit macht fitter und gesünder, erweitert das soziale Netzwerk und hilft bei der Jobsuche, da Arbeitgeber dies im Lebenslauf positiv bewerten. Für Menschen mit Migrationshintergrund hilft es außerdem, bei Bewerbungen keine oder nur wenig Diskriminierung zu erfahren***. Anlässlich des Internationalen Tages der Freiwilligen, der jedes Jahr am 5. Dezember stattfindet, sprach FMDO mit Amer, der seit mehreren Jahren Führungen für Twee (T)Huizen Eén Gids gibt.
Was hat dein Umzug von Palästina nach Belgien im Jahr 2010 für dich bedeutet?
Ich bin Ende 2010 nach Belgien gezogen, und es war eigentlich schon mein dritter Aufenthalt in Brüssel. Ich war zuvor zweimal als Tourist hier gewesen. An die zweite Reise erinnere ich mich noch sehr gut: Ich habe damals eine kleine Tour durch Europa gemacht und Städte besucht, die ich schon immer sehen wollte – Barcelona, Madrid und Paris. Es war eine großartige Reise, und irgendwie brachte diese Reise mich schließlich nach Brüssel zurück, um hier mein Zuhause zu errichten. Das dritte Mal kam ich nach meinem Abschluss an der Universität in Palästina, wo ich Marketing studiert hatte. Als ich hierher zog, hoffte ich, ein neues Leben zu beginnen – eines mit besseren Chancen, Sicherheit und Freiheit.
Tatsache ist: Ich bin palästinensischer Staatsbürger mit einem palästinensischen Pass. Viele meiner Verwandten sind palästinensische Staatsbürger Israels. Ein Teil meiner Familie, darunter meine beiden Großeltern, musste nach der Nakba 1948 aus ihren Häusern in Jaffa fliehen – der palästinensischen Katastrophe, die sich ereignete, als Israel gegründet und unser Land besetzt wurde. Ein Teil meiner Familie lebt noch immer dort, obwohl es jetzt hinter der Mauer auf der israelischen Seite liegt. Als Kind habe ich sie oft besucht.
Viele Palästinenser haben diese Möglichkeit heute nicht mehr. Die Apartheidmauer trennt uns voneinander, schränkt unsere Freiheit und Bewegungsfreiheit ein und macht selbst einfache Familienbesuche fast unmöglich.
Der Umzug nach Belgien war für mich aus verschiedenen Gründen kein großer Kulturschock. Ich war bereits etwas in Europa herumgereist. Mein Vater studierte an der Universität Liverpool und lebte eine Zeit lang im Vereinigten Königreich, weshalb diese Kultur bereits in unserer Familie präsent war. Außerdem ist die israelische Gesellschaft auf der anderen Seite der Mauer stark verwestlicht, mit vielen Menschen europäischer Herkunft. Schließlich war ich bereits bei verschiedenen lokalen und internationalen NGOs mit vielen europäischen Aktivisten aktiv. Die europäische Kultur war mir also schon vertraut, bevor ich hierher kam.
Das Wetter war für jemanden aus dem Mittelmeerraum allerdings eine Herausforderung. Die meisten von uns haben Schwierigkeiten mit der Kälte und dem grauen Himmel – es kann ziemlich düster sein. Am Anfang war ich oft krank und wusste nie, wie ich mich gegen die nasse Kälte anziehen sollte. Jetzt habe ich mich gut daran gewöhnt. Ich habe auch festgestellt, dass die Menschen hier etwas zurückhaltender sind als die warmherzigen, offenen Mittelmeerbewohner, an die ich gewöhnt war. Zum Glück bin ich von Natur aus sehr kontaktfreudig, sonst wäre es viel schwieriger gewesen, Freunde zu finden.
Und dann waren da noch die Dokumente und die Verwaltung – ein wahrer Albtraum. Die Bürokratie schien endlos und ich wurde oft unfreundlich behandelt. Natürlich waren nicht alle so, aber die unfreundlichen Momente bleiben viel stärker in Erinnerung als die selteneren freundlichen. Ich habe zwölf Jahre in Elsene gewohnt und lebe jetzt in Ukkel. Als ich auf der Suche nach Arbeit war, begegnete ich vielen Schwierigkeiten und leider auch ziemlich viel Rassismus.
Die positive Seite: Ich habe Kunst und schöne Architektur schon immer geliebt. Art Nouveau (Jugendstil) hat mich sofort begeistert. Als ich Barcelona besuchte, war ich völlig fasziniert von Gaudí und der Sagrada Família. Zurück in Brüssel entdeckte ich unseren eigenen Meister: Victor Horta. Dort begann meine echte Leidenschaft für Architektur.
Jetzt liebe ich Brüssel aufrichtig. Ich bin sogar zu jemandem geworden, der versucht, andere dazu zu bringen, sich in die Stadt zu verlieben – oder zumindest ihre Meinung zu ändern. Wenn jemand Kritik äußert, versuche ich immer, ihm die schönen Seiten der Stadt aufzuzeigen: wohin man gehen sollte, was man unternehmen kann, wo man gut essen oder einfach nur abhängen kann (lacht). Es ist eine große, kulturreiche Stadt, und glücklicherweise leben hier viele internationale Menschen. Das hilft mir, mich zu Hause zu fühlen.
Was ist dir von deinen ersten Tagen in Brüssel am lebhaftesten in Erinnerung geblieben?
Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an die ersten Tage. Ich sehe mich als privilegierten Palästinenser, weil ich ein paar Mal als Tourist hierherkommen und recht einfach umziehen konnte. Viele Palästinenser, die hier ankommen, haben eine viel schwierigere Reise hinter sich. Nicht alle Palästinenser in Belgien sind Flüchtlinge oder Asylsuchende, aber heutzutage trifft das auf die meisten zu – vor allem nach dem Krieg in Gaza.
Als ich ankam, kannte ich bereits Leute hier. Sie zeigten mir die schönsten Orte: den Jubelpark, Sablon, den Grand-Place. Was mir am Anfang am besten gefiel, war die Architektur, das Essen und die Feste. Weniger das Wetter – obwohl es Sommer war, als ich ankam.
Neue Freunde zu finden war für mich kein Problem, doch es fällt mir nach wie vor schwer, dass ich Freunde und Familie nicht sehen kann. Die Privilegierten können mich besuchen. Ich sehe viele Menschen in Brüssel – sowohl Einwanderer als auch hier Geborene –, die mit der Integration zu kämpfen haben. Manchmal überwiegt die Angst, Kontakt aufzunehmen. Menschen, die Rassismus erlebt haben, trauen sich manchmal nicht, auf andere zuzugehen, aus Angst, erneut diskriminiert zu werden. Manchmal sagen Menschen dann dumme Dinge.
Was vermisst du am meisten von deinem Alltagsleben in Palästina?
Ich vermisse meine Mutter am meisten und meine Familie. Ich vermisse meine Freunde – meine Freunde aus meiner Kindheit und meine Freunde aus der Universität. Ich vermisse auch das lokale Essen und das schöne Wetter. Als Palästinenser im Westjordanland durften wir nicht ans Meer fahren. Deshalb habe ich es kaum erlebt. Als ich noch keine 16 Jahre alt war, brauchte ich keine Genehmigung und konnte an den Strand fahren, der nur 15 Minuten von der Wohnung meiner Onkel entfernt war. Ich war in meiner Kindheit oft dort, bevor die israelische Regierung die Trennmauer baute.
Ich vermisse jedoch weder die israelische Besatzung noch die Siedlungen, die Checkpoints, die Schüsse, die Bombardierungen oder die Gefahr, jeden Moment erschossen zu werden. Ich vermisse es nicht, wie wir im Westjordanland als Geiseln gelebt haben.
Was ist dein liebstes palästinensisches Gericht?
Mein Lieblingsgericht ist Maqloubeh. Ich glaube, jeder mag Maqloubeh – es bedeutet wörtlich „Das Unterste nach Oben”.
Ich erzähle davon während meiner Stadtführung. Jeder kennt den Koch Yotam Ottolenghi, aber fast niemand kennt Sami Tamimi, seinen palästinensischen Kollegen, mit dem er das Kochbuch herausgegeben hat. Beide stammen aus Jerusalem und haben sich in London kennengelernt. Ottolenghi wurde weltberühmt, Tamimi jedoch nicht. Nach dem, was ich gelesen habe, wollte Tamimi selbst nicht im Rampenlicht stehen. Sie haben gemeinsam Restaurants, aber Ottolenghi bekam die ganze Aufmerksamkeit, und deshalb kennen nur wenige Menschen Tamimi.
Das finde ich traurig. Wenn ich Leuten ihr Kochbuch zeige, erkennen sie Ottolenghi sofort, Tamimi jedoch nicht. Auf dem Cover sind arabische und hebräische Buchstaben miteinander verwoben – etwas, das ich während meiner Tour bespreche, wenn wir uns ein bestimmtes Graffiti bei Sablon ansehen.
Wir haben viele Gerichte, aber die Menschen kennen palästinensisches Essen vor allem aus libanesischen oder syrisch-levantinischen Restaurants, da unsere Küchen stark verwandt sind. Nur bekommt man dort hauptsächlich Streetfood. Zu Hause essen wir nicht jeden Tag Falafel oder Hummus.
Glücklicherweise eröffnen in Brüssel immer mehr authentische palästinensische Restaurants, darunter eines im Stadtteil Sablon: Jaffa. Das ist auch die Stadt, aus der meine Familie stammt.
Wie hat sich dein Gefühl von „Zuhause” seit deinem Umzug nach Belgien verändert? Was bedeutet Zuhause für dich? Fühlst du dich in Belgien zuhause?
Viele Menschen sagen, dass wir hier als Fremde leben, aber ich persönlich empfinde das nicht mehr so. Vielleicht war das in den ersten zwei Jahren so. Jetzt ist Belgien mein Zuhause. Brüssel ist mein Zuhause.
Wenn ich nach Palästina zurückkehre, bin ich nicht mehr an das Leben dort gewöhnt. Viele Palästinenser sind es jedoch – die Besatzung, die Armee überall, die Schüsse, die Checkpoints, das strukturelle Minderwertigkeitsgefühl. Es ist erschütternd, dass das für sie zur Normalität geworden ist. Ich sage lieber „ihr Leben”, denn es ist nicht mehr meines.
Wenn ich zu Besuch komme, kann ich es nicht ertragen. An der Grenze verliere ich meine ganze Gelassenheit. Die Art und Weise, wie Menschen angesprochen werden, wie sie behandelt werden, als wären sie weniger wert – das kann ich nicht mehr akzeptieren. Meine Mutter sagt dann manchmal: „Lass gut sein”, aber ich antworte: „Nein. Es ist nicht in Ordnung.” Die Menschen schlafen und wachen im Krieg auf, und viele gewöhnen sich daran. Aber ich glaube nicht, dass irgendjemand das wirklich akzeptiert – deshalb leisten sie Widerstand, in welcher Form auch immer. Es herrscht nur Ohnmacht. Was kann man schon tun? Wenn ich zurückkehre, fühlt es sich nicht mehr normal an. Aber ich gehöre auch zu den Palästinensern, die zurückkehren können, weil ich die palästinensische Staatsangehörigkeit habe. Viele Palästinenser in der Diaspora haben keinen Staat, keine Papiere und können ihr Land nicht ohne einen anderen Pass – zum Beispiel einen belgischen – besuchen.
„Durch meine Touren lernen die Menschen mehr über Palästinenser als durch die schrecklichen Nachrichten.“
Worüber sprichst du als Freiwilliger bei FMDO während deiner „(T)Huizen Eén Gids”-Touren?
Mein Stadtrundgang beginnt am Hilton Hotel. Das war meine erste Station in Brüssel nach meiner Ankunft in Zaventem; ich habe dort zwei Nächte bei einem Freund übernachtet. Von dort aus sind wir zum „Grote Markt“ und ins Stadtzentrum gelaufen, und so habe ich die Stadt entdeckt.
Ich habe nicht viele andere Touren mitgemacht, aber ich bin mir sicher, dass sie alle etwas Besonderes sind – jede mit einem anderen Hintergrund, einem anderen Land. Während meiner Tour spreche ich über viele Themen.
Einige Teilnehmer erwarten vor allem Informationen über Brüssel und sind zunächst überrascht, dass auch Geschichte und Politik eine Rolle spielen – denn als Palästinenser enden Gespräche nun einmal oft beim Thema Politik. Aber der Spaziergang ist ein Mix: Es geht um Brüssel und um Palästina. Nach einer Weile sind die Leute meist sehr interessiert, weil ich greifbare Gegenstände mitbringe – Dinge, die sie sehen und anfassen können. So entsteht mehr Verständnis und die Menschen empfinden Palästina als mehr als nur eine Nachrichtenmeldung.
Viele Menschen haben ein negatives oder entmenschlichtes Bild von Palästinensern – oft aufgrund der Medien. Glücklicherweise verstehen immer mehr Menschen, was dort geschieht, und wollen aufrichtig etwas lernen.
Über traditionelle Kleidung und kulturelle Symbole
Ich erzähle über palästinensische Trachten und ihre Stickereien. Jede Stadt hat ihre eigenen Muster. Früher trugen die Menschen sie täglich, heute vor allem bei Hochzeiten und besonderen Anlässen, obwohl ältere Frauen auf dem Land sie immer noch oft tragen. In Kriegszeiten, wenn der Nationalismus aufflammt, greifen die Menschen schneller zu Symbolen wie der Keffiya und traditionellen Kleidern. Hochzeiten beginnen heutzutage oft mit einer traditionellen Kleiderzeremonie, gefolgt von einer Feier, bei der die Braut ein weißes Kleid trägt.
Ich zeige handbestickte Taschen, die mir sehr wertvoll sind und die meine Mutter hergestellt und mir geschenkt hat. Die Leute wollen sie oft kaufen, wenn sie sie sehen. Eine davon ist in den Farben der palästinensischen Flagge und wurde für meinen Personalausweis angefertigt. Meine Mutter ist sehr künstlerisch; sie arbeitet in einem medizinischen Labor, aber in ihrer Freizeit fertigt sie immer Kunstwerke mit ihren Händen an.
Über die Keffiya und lokale Produkte
Ich bringe auch eine Keffiya (ein quadratisches Tuch, diagonal zu einem Dreieck gefaltet, oft schwarz-weiß oder rot-weiß kariert oder mit Fischgrätenmuster) mit und erkläre deren Bedeutung. Die Muster auf der palästinensischen Keffiya symbolisieren:
Olivenblätter: Kraft, Widerstandsfähigkeit, Ausdauer
Das Fischernetzmuster: die Verbindung zwischen palästinensischen Seefahrern und dem Mittelmeer
Die starken Linien: Handelsrouten durch Palästina, darunter die Seidenstraße
Ich habe immer natürliche Olivenölseife aus Nablus dabei – meiner Geburtsstadt. Hergestellt aus palästinensischem Olivenöl. Außerdem nehme ich Za’atar mit: eine Mischung aus Bergthymian, Sesam, Sumach und Salz. Wir essen es mit palästinensischer Pita, Jerusalemer Kaak oder Manakeesh.
Über Za’atar
Während meiner Tour erzähle ich auf dem Mont des Arts (Kunstberg) über Za’atar. In den Pflanzenbeeten findet man Kräuter wie Salbei und Thymian. Dort spreche ich über das palästinensische Frühstück: schwarzer Tee mit Salbei (Merrymia) – man kocht sie zusammen. So wie die Marokkaner Minztee trinken, trinken wir Salbeitee. Fast jedes Haus hat getrockneten Salbei in einem Topf. Seit Tausenden von Jahren wird er als Heilkraut verwendet. Der Name Meramiyyeh bezieht sich auf eine Geschichte über die Jungfrau Maria – auf ihrer Flucht vor Herodes ruhte sie sich an einem Salbeistrauch aus. Sie wischte sich mit den Blättern das Gesicht ab, fand Ruhe in ihrem Duft und segnete die Pflanze.
Meine Tour ist eigentlich eine einzige große Erinnerung an meine erste Zeit in Brüssel und an das, was ich heute an der Stadt schön finde. An jeder Station verbinde ich Geschichten und Bedeutungen miteinander. Man lernt nicht nur eine Stadt kennen, sondern taucht in sie ein. Ich beginne am Hauptbahnhof, dann gibt es ein palästinensisches Frühstück, und anschließend besuchen wir Denkmäler, Architektur und Graffiti.
Ich spreche auch über Freiwilligenarbeit: wie man Obdachlosen oder Flüchtlingen helfen kann und wie solche Begegnungen die eigene Weltanschauung verändern. Ich erzähle die Geschichte eines Künstlers, der das Porträt eines obdachlosen Mannes gemalt hat. Als der Mann es sah, begann er zu weinen – er sagte, es sei das erste Mal, dass jemand ihn als Menschen und als schön angesehen habe. Das berührt die Menschen tief.
In Zeiten von Krieg und Terror brauchen wir Frieden mehr denn je. Wie willst du dazu beitragen, mehr Frieden in die Welt zu bringen?
Während meiner Studienzeit war ich Friedensaktivist. Dieses Engagement wurde noch stärker, nachdem meine Mutter während einer israelischen Invasion in Nablus 2001–2002 zu Hause angeschossen wurde. Gewalt führt nur zu mehr Gewalt; es ist ein endloser Kreislauf. Ich hätte meine Mutter fast verloren, aber glücklicherweise ist das nicht geschehen. Ich weiß nicht, woher ich den Mut genommen habe, aber dank der Unterstützung meiner Mitmenschen begann ich, regelmäßig ein Dorf in Jerusalem zu besuchen: „Oasis of Peace”. Dort lernte ich, was Frieden sein kann. Ich war auch Jugendleiter bei verschiedenen NGOs. Wir lernten gewaltfreien Widerstand, Verhandeln, politische Führung und wie man auch bei Meinungsverschiedenheiten respektvoll bleiben kann. Ich lernte die Kraft des Dialogs kennen.
Für mich sind Frieden, Gerechtigkeit und gleiche Rechte der einzige Weg nach vorne – trotz allem, was wir in Palästina erlebt haben. Wir haben schon viele friedliche Wege ausprobiert. Wenn man neben einer anderen Gemeinschaft lebt, ohne Gleichberechtigung, frage ich mich, wie Frieden möglich sein soll. Dennoch gebe ich die Hoffnung nicht auf. Ich habe meine Familie wegen des Krieges seit drei Jahren nicht gesehen. Ich warte darauf, dass sich die Lage beruhigt – hoffentlich mit Frieden und Gerechtigkeit –, damit ich sie wieder in die Arme schließen kann.
„Für mich ist Frieden der einzige Weg, auch wenn wir in Palästina schon viele friedliche Wege ausprobiert haben – manche Menschen auf der anderen Seite wollen keinen Frieden.“
Wenn man mit einer anderen Gesellschaft zusammenlebt und es keine Gerechtigkeit gibt, weiß ich nicht, wie jemals Frieden entstehen kann, aber ich bleibe hoffnungsvoll. Ich habe viel Hoffnung verloren, aber ein bisschen ist noch da. Ich habe meine Familie seit drei Jahren nicht mehr besuchen können, weil es so gefährlich ist. Ich warte darauf, dass Frieden einkehrt, damit ich meine Familie wieder sehen kann.
Du hast gesagt, dass du gerne in der Natur bist. Gibt dir die Natur ein Gefühl von Ruhe und Frieden?
Ich wohne in der Nähe eines der größten Parks von Brüssel: dem „Bois de la Cambre”. Ich liebe Pflanzen – meine Wohnung ist voll davon, inspiriert von meiner Mutter. Sie ist mit dem Land verbunden. Sie besitzt Land auf dem Land, und seit wir Kinder waren, verbrachten wir jedes Wochenende zwischen Olivenbäumen, Mandelbäumen, Kaktusfeigen und Feigenbäumen.
Ich war immer in den Bergen und zwischen den Bäumen. Ich liebe Parks – ich glaube, niemand kann die Natur wirklich hassen. Und glücklicherweise gibt es in Brüssel viele Grünflächen. Ich wandere gerne und fahre oft in die Ardennen oder in die flämischen Felder.
Wo ich herkomme, besteht die Landschaft hauptsächlich aus Bergen, es gibt nur wenige Ebenen. Es gibt wunderschöne Wandergebiete, aber sie sind gefährlich aufgrund der militärischen Präsenz und der Hunderte illegaler israelischer Siedlungen im Westjordanland. Durch die anhaltende Besatzung und die Gewalt kann man fast nichts wirklich frei erleben. Seit dem letzten Krieg kann meine Mutter nicht einmal mehr auf ihr Land gehen – Checkpoints blockieren jeden Weg zu den Dörfern. Um jede Stadt herum stehen Tore. Jetzt ist Olivenzeit. Viele Menschen wurden von extremistischen Siedlern angegriffen oder gar niedergeschossen, und viele Olivenbäume wurden in Brand gesteckt. Sie wissen, wie wichtig diese Bäume für uns sind. Es ist schrecklich. Jetzt müssen wir Leute im Dorf bezahlen, um die Oliven zu ernten – wir selbst kommen nicht mehr dorthin.
Für meine Mutter ist das Pflücken selbst das Wichtigste. Dass sie das jetzt nicht mehr tun kann, ist schmerzlich.
Wenn du auf deinem Spaziergang an der Statue von Gottfried von Bouillon vorbeikommen, was hoffst du, dass Besucher mitnehmen oder in Erinnerung behalten?
Er war einer der Kreuzritter, die vor mehr als tausend Jahren von Belgien nach Palästina zogen – damals gab es den Staat Israel noch nicht. Bei seiner Statue bemerkt fast niemand die Inschrift. Ich mache die Leute darauf aufmerksam. Auf der einen Seite ist sie auf Französisch, auf der anderen auf Niederländisch. Dort steht, dass er der erste König von Jerusalem war und im Jahr 1100 in Palästina starb. Während meiner Tour sage ich: Seht mal, hier steht das Wort Palästina – mitten in Brüssel, hinter dem Königspalast.
Für mich ist das etwas Besonderes, weil Palästina dort anerkannt wird, während ich heute oft nicht als Palästinenser anerkannt werde – aber die Geschichte hat es in Stein gemeißelt.
Was ist deine Verbindung zu Graffiti?
Ich habe Graffiti durch Banksy lieben gelernt. Ich habe seine Werke zum ersten Mal auf der Trennmauer in Bethlehem gesehen. Mein Lieblingswerk zeigt ein palästinensisches Mädchen, das die Taschen eines israelischen Soldaten durchsucht, der mit dem Gesicht zur Mauer steht – die Rollen sind vertauscht. Ich fotografiere gerne Graffiti, lerne darüber und versuche, ihre Motivation zu verstehen. Aber selbst Graffiti zu machen, würde ich nicht tun.
Für mich ist es ein Hobby – wie Muscheln oder Briefmarken sammeln. Viele Menschen sammeln Fotos, und ich sammle Graffiti-Bilder. Wenn ich reise, suche ich nach Architektur, Kunst, Museen und Streetart.
Welche Bedeutung hat Kunst als Form des Aktivismus?
Graffiti ist für mich Ausdruck. Viele Graffitis in Palästina handeln von Politik: Besatzung, Unterdrückung, Missbrauch, Befreiung. Als ich ein Kind war, habe ich gesehen, wie die israelische Armee Graffitis als kollektive Strafe übermalte.
Graffiti macht Städte zu Freilichtmuseen – frei zugänglich für alle. Jedes Wandbild trägt eine Botschaft. Es ist Aktivismus, gewaltfreier Widerstand. Auch Journalismus, Musik, Tanz, Poesie – das sind friedliche Formen des Widerstands. Das habe ich in der „Oasis of Peace“ gelernt: Wir Palästinenser haben jede Form von gewaltfreiem Handeln ausprobiert. Aber manchmal scheint sich nichts zu ändern. Gewalt erzeugt nur noch mehr Gewalt.
Ich mag keinen Vandalismus – die sinnlosen Tags, die Gebäude ohne Bedeutung beschädigen. Aber schöne, durchdachte Graffiti schätze ich sehr. Leider ruinieren die schlechten manchmal das Bild der guten.
Wenn ich heute irgendwo eine palästinensische Flagge oder Graffiti sehe – in Brüssel oder anderswo –, macht mich das glücklich. Es erinnert mich daran, dass die Menschen uns nicht vergessen. Dass sie uns nicht verschwinden lassen. Es zeigt, dass viele über die Ungerechtigkeit und den Krieg wütend sind. Seien Sie also nicht wütend auf die Graffiti – seien Sie wütend auf die Gewalt, das Leid und darauf, wie unsere Stimmen unterdrückt werden. Palästinenser sind Menschen wie alle anderen – mit Künstlern, Schriftstellern, Kultur. Und vielleicht geben diese kleinen Zeichen noch ein bisschen Hoffnung.
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* FMDO vzw (Federatie Mondiale en Democratische Organisaties, Föderation weltweiter und demokratischer Organisationen) verbindet und stärkt Menschen in dieser vielfältigen Gesellschaft und tut dies mit soziokulturellen Vereinigungen von Menschen mit Migrationshintergrund und engagierten Freiwilligen, die das Herzstück von FMDO bilden.
** Bei Twee (T)Huizen Eén Gids führen interkulturelle Stadtführer und Stadtführerinnen durch Brüssel und Ostende. Sie erzählen sowohl von ihrem Herkunftsland, wie sie hierher gekommen sind und zeigen die aus ihrer Sicht schönsten Orte der beiden Städte.Ziel dieses Projektes ist es, dass Menschen, die nach Belgien gekommen sind, um hier zu leben, ihre mitgebrachte Identität mit der sich neu entwickelnden Identität verknüpfen können. Dieses Projekt gibt es nicht nur im Rahmen von Stadtführungen, sondern auch als Führung durch das BelVue-Museum in Brüssel, dass die Geschichte Belgiens von seiner Gründung 1830 bis heute nachzeichnet. – Interessiert? Schauen Sie hier für Brüssel und hier für Ostende vorbei und buchen Sie Ihre Führung. Möchten Sie die Führung von Amer oder einem anderen Führer in Brüssel buchen? Das können Sie hier tun.
*** Dies schreiben die Forscher Stijn Baert (Professor für Arbeitsökonomie an der Universität Gent und der Universität Antwerpen) und Jens Detollenaere (Forscher an der Universität Gent).
(Übersetzung: Jürgen Klute)
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