Von Bernhard Clasen

Pünktlich zum 9. Mai, dem 100. Geburtstag des großen georgisch-armenischen Barden Bulat Okudschawa, der die meiste Zeit seines Lebens in Moskau gelebt und auf Russisch geschrieben hatte, erscheint ein Büchlein mit den 50 bekanntesten Liedern von Okudschawa. Alle Lieder finden sich in diesem auf deutsch und russisch. Herausgeber Ekkehard Maaß ist neben Wolf Biermann, der das Vorwort geschrieben hat, einer der bekanntesten Übersetzer und Interpreten von Bulat Okudschawa im deutschsprachigen Raum.

„Und doch ist es mir leid, dass wie einst wir von Götzen noch träumen
und alle zuweilen wie Sklaven und Leibeig´ne sind“ heißt ein Vers des von Ekke Maaß übersetzten Liedes „Vergangenes kommt nicht zurück“. Genau diese Zeilen charakterisieren am besten den Kern des Schaffens von Bulat Okudschawa, bei dem das Glück und das Leiden eines einzelnen Menschen immer im Vordergrund standen und den kollektive Sichtweisen nie interessierten. Und der immer gegen den Strom schwamm. Seine Helden sind ein Mädchen, dem der Luftballon weggeflogen ist, ein brennender Papiersoldat, ein dem Tod geweihter Husar, eine weinende Frau, ein alter Leierkastenmann und ein Mann, der nach langen Jahren wieder zu seiner Frau zurückkehrt.

Auf den ersten Blick scheinen Bulat Okudschawas Gedichte, die er selbst vertont und mit seiner Gitarre vorgetragen hat, harmlos. Mal besingt er Jungs und Mädchen, die in den Krieg ziehen, mal beschreibt er einen Mann, der sich immer in einen blauen Oberleitungsbus setzt, wenn ihn die Schwermut überfällt. Gleichwohl ist der Dichter, der die lange verfemte Gitarre in der Sowjetunion wieder salonfähig gemacht hatte, ein leiser Revolutionär. Denn das Individuum über das Kollektiv zu stellen war in der Sowjetunion eine schwere Sünde.

Viele Jahre seines Lebens fand sich die Kritik des Mannes, dessen Vater als angeblicher Trotzkist von Stalins Schergen hingerichtet worden ist, nur zwischen den Zeilen. Denn wenn er Piraten aus Portland besingt, die rauben und morden, hat das natürlich überhaupt nichts mit der aktuellen Situation in der UdSSR zu tun, genauso wenig wie ein Lied vom Untergang des alten Rom.

Diese vorsichtige Kritik mag ihn vor Verfolgung geschützt haben. Veröffentlicht wurden seine Lieder dennoch lange Zeit nur in sehr homöopathischen Dosen. Nur selten durfte er auftreten, erst 1976 erschien seine erste Schallplatte. Es war das Tonband, mit dem man seine Lieder kopiert und weitergereicht hat, das ihn in der ganzen Sowjetunion bekannt gemacht hat.

Immer wieder kritisierte er die Regierung. 1968 verhängte der Schriftstellerverband Restriktionen gegen Okudschawa, nachdem dieser einen Protestbrief gegen den sowjetischen Einmarsch in der Tschechoslowakei unterzeichnet hatte. Im Februar 1986 trug er erstmals seine Gedichte und Lieder über die Verbrechen Stalins vor, unter Boris Jelzin wurde er in die Begnadigungskommission berufen.
Wer Okudschawas Gedichte in „Mein Jahrhundert“ liest, seine Lieder auf Youtube hört, kann vielleicht nachvollziehen, warum auch er zu dem Kreis der Vorboten einer neuen Zeit gehörte.

Und welche Bedeutung hat Bulat Okudschawa heute?

Der 1997 verstorbene Bulat Okudschawa, der nie unter Wladimir Putin gelebt hat, den man auch heute noch in Wladiwostok genauso hört, wie in Kiew oder Minsk, war ein Meister im Zwischen-den-Zeilen-Schreiben. Und diese Fähigkeit ist heute wieder gefragt, nicht nur in Putins Russland, auch in anderen Diktaturen und Ländern mit Denkverboten. Er gehörte neben dem Barden Wladimir Wysozki zu den Wegbereitern eines liberalen Russland.

Und noch etwas gibt uns Bulat Okudschawa. Die Fähigkeit zu hoffen, auch wenn man sich darüber wundert, dass sich die Erde immer noch dreht. Am besten drückt er diese Hoffnung in seinem wohl bekanntesten Lied „Das Gebet“ aus. Da heißt es zum Schluß:

Solange sich die Erde noch dreht,
und sie selbst wundert sich am meisten darüber.
Solange wir noch Zeit und Feuer haben,
Herr, gib allen etwas – und vergiss mich nicht.

Das Buch:

Bulat Okudschawa, Mein Jahrhundert. Lieder und Gedichte. Herausgegeben von Ekkehard Maaß. Lukas Verlag. ISBN 978-3-86732-444-1

Bulat Okudschawa auf Youtube:

Das Gebet

An folgenden Terminen stellt Ekkehard Maaß das Buch über und die Musik von Bulat Okudschawa vor:

Berlin

  • am 7. Mai, 19:30 Uhr, Buchhandlung am Tierpark, Erich-Kurz-Str. 9, 10319 Berlin;
  • am 15. Mai, 18 Uhr, im nd-Literatursalon, Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin;
  • am 16. Mai, 19 Uhr, im La Bohéme, Winsstraße 12, 10405 Berlin, zusammen mit Lilit Sargsyan, Stepan Gantralyan und den Russischen Waisen;
  • am 28. Mai, 20 Uhr, Buchhandlung Zauberberg, Bundesallee 133, 12161 Berlin;
  • am 20. Juni, 19 Uhr, Jüdische Gemeinde, Fasanenstraße 79-80, 10623 Berlin;
  • am 5. September, 20 Uhr, Dorotheenstädtische Buchhandlung, Turmstraße 5,10559 Berlin;

Dresden

  • am 10. Mai, 19 Uhr, im Deutsch-Russischen Kulturinstitut, Zittauer Straße 29, 01099 Dresden;

Naumburg

  • am 11. Juni, 19 Uhr, Stadtbibliothek, Salzstraße 35, 06618 Naumburg (Saale);

Heringsdorf

  • am 18. Juni, 19:30, Uhr, Villa Irmgard, Maxim-Gorki-Str. 13, 17424 Heringsdorf;

Stralsund und Neustrelitz

  • am 25. Juni, 19:30 Uhr, Kulturspeicher, Katharinenberg 35,18439 Stralsund;
  • am 26. Juni, 19:30 Uhr, Kachelofenfabrik Neustrelitz;

Weimar

  • am 28. August, Literarische Gesellschaft Thüringen, Weimar;

Göpfersdorf

  • am 9. November, 19:30, Heimatverein Göpfersdorf e.V., Garbisdorf 6, 04618 Göpfersdorf;

Titelbild: Books from Boxes by Holger Prothmann CC BY-NC 2.0 DEED via FlickR

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