Von Jürgen Klute und Zhou Yi

Der Chinesische Pavillon im königlichen Schlossgarten im Brüsseler Stadtteil Laeken (Belgien) erwacht aus einem Dornröschenschlaf

Seit über zehn Jahren döst der Chinesische Pavillon im königlichen Schlossgarten in Laken leer und ungenutzt in einer Art Dornröschenschlaf vor sich hin und droht zu verfallen. Bis 2013 nutzten die Königlichen Museen für Kunst und Geschichte den Pavillon, um dort einen Teil der fernöstlichen Sammlungen unterzubringen und der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Obgleich das historische Gebäude Anfang der 1990er Jahre renoviert wurde, wurde es 2013 aus sicherheitstechnischen Gründen geschlossen – bis heute. Doch das soll sich nun ändern. Mitte Mai 2024 wurde eigens ein Verein gegründet, um den Chinesischen Pavillon zu renovieren und einer zukünftigen neuen Nutzung zuführen.

Treibende Kraft hinter dem Projekt ist Diane Hennebert, die auch dem Vorstand des neugegründeten Vereins angehört. Bei ihr dürfte das Projekt in guten Händen sein, denn mit der Renovierung bedeutender Brüsseler Orte hat sie Erfahrungen. So ist es dem Engagement von Diane Hennebert zu verdanken, dass sowohl das bekannteste Brüsseler Wahrzeichen, das Atomium, als auch der historische Platz Flagey im Brüsseler Stadtteil Ixelles renoviert und erhalten wurden.

Unterstützung erfährt diese Initiative von Staatssekretär Mathieu Michel, dem Bruder des früheren belgischen Premierministers (2014-2019) und des Präsidenten des Rates der Europäischen Union (2019-2024) Charles Michel. Michel ist unter anderem für die Pflege erhaltenswerter Gebäude (Régie des Bâtiments) in Belgien zuständig. Am 18. Juni 2024 hat er zu einer Pressekonferenz im Chinesischen Pavillon eingeladen, auf der Diane Hennebert die Pläne für die zukünftige Nutzung vorgestellte.

Diane Hennebert hält es für inakzeptabel, den seit einigen Jahren immerhin unter Denkmalschutz stehende chinesischen Pavillon nicht erneut einer sinnvollen Nutzung zuzuführen. Das Projekt diene dem Ziel, diesen Teil des Brüsseler Kulturerbes langfristig zu erhalten und den chinesische Pavillon unter dem neuen Namen „Palast der Seidenstraßen“ mit neuem Leben zu füllen.

Hennebert denkt dabei an die Gründung einer Institution, in der belgische und asiatische Vertreter von Unternehmen und Institutionen, die das Projekt unterstützen, vertreten sind. Der Ehrenvorsitz dieser Vereinigung sollte nach Hennebert einem Mitglied der königlichen Familie anvertraut werden.

Die Institution soll zunächst für die Restaurierung des Gebäudes sorgen und für eine zeitgemäße Ausstattung, damit der Pavillon zukünftig sowohl für Ausstellungen und kulturelle Aktivitäten als auch für Konferenzen und für touristische Zwecke genutzt werden kann. Immerhin befinden sich zwei weitere touristische Attraktionen in der Nachbarschaft zum Pavillon: die königlichen Gewächshäuser und das Atomium. Renovierung und Wiederbelebung des Pavillons sollen in enger Absprache mit der Königlichen Kommission für Denkmäler und Stätten und in Zusammenarbeit mit den Königlichen Museen für Kunst und Geschichte erfolgen.

Nach den Vorstellungen von Diane Hennebert soll das Thema Seidenstraßen eine zentrale Inhaltlich Rolle spielen. Sie erinnerte daran, dass Seidenstraßen seit der Antike den Handel zwischen Ost und West geprägt haben. Inspiriert sei dieses Projekt von der Bedeutung des Orients im 21. Jahrhundert für Handel, Wirtschaft, Tourismus und schließlich auch für den Frieden. Mit dem Chinesischen Pavillon verfüge Brüssel als belgische und europäische Hauptstadt über einen außergewöhnlichen Ort, so Hennebert. Dieser Ort sei von Anfang an ein Symbol für den belgisch-chinesischen Handel und für die belgisch-chinesischen Beziehungen gewesen. Daher sei dies ein idealer Ort, um hier Aktivitäten zu entwickeln, die sowohl die ursprünglichen Ziele, die mit dem Bau des Pavillons verbunden waren, als auch die aktuellen Gegebenheiten widerspiegeln.

Zu den zukünftigen Aktivitäten könnten laut Hennebert erneut Ausstellungen gehören, aber auch kulturelle Veranstaltungen, die Einblick in die heutige Entwicklung Chinas und anderer asiatischer Länder geben. Diese Art von Veranstaltungen sowie Ausstellungen dürften vor allem auch für Touristen interessant sein.

Die Anlage bietet aber auch die Möglichkeit zur Begegnung von Vertretern aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft im Rahmen von Konferenzen, Kongressen, Workshops und Vorträgen. Angesichts der globalen Entwicklungen böten solche Formen von Veranstaltungen an diesem einzigartigen Ort die Möglichkeit eines tieferen gegenseitigen Kennenlernens und eines tieferen gegenseitigen Verständnisses zwischen Orient und Okzident. Damit würden auch Voraussetzung geschaffen für eine zukünftige friedliche Ko-Existenz und einer internationalen Zusammenarbeit zur Bewältigung politischer Herausforderungen wie zum Beispiel die Klimaerwärmung und die Migration.

Auch Staatssekretär Mathieu Michel misst dem Seidenstraßenpalast zukünftig eine hohe Bedeutung zu als Symbol für gute politische Beziehungen zwischen Orient und Okzident. Daher sei auch das belgische Außenministerium an dem Projekt interessiert, betonte Michel.

Diane Henneberts Ziel ist es, die Renovierung bis 2027 abzuschießen um dann den Seidenstraßenpalast seiner neuen Nutzung zuführen zu können. Die Kosten für die Renovierung werden auf rund 5 Millionen Euro veranschlagt.

Erste Schritte wurden bereits getan. 2015 initiierte Diane Hennebert mit Unterstützung der EU den Verein “Out of the Box” (www.ofthebox.be) für kreative Bildung. Der Verein unterstützt Schulabbrecher zwischen 15 und 19 Jahren. Jugendliche aus diesem Projekt haben den Pavillon gesäubert und für die Pressekonferenz hergerichtet.

Für die weiteren Arbeiten setzt Hennebert jedoch auf finanzielle Unterstützung von Sponsoren sowohl aus Belgien als auch aus Asien, vor allem aus China. Entsprechende erste Kontakte wurden bereits geknüpft. Näheres, so war zu erfahren, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen.

Der Chinesische Pavillon blickt auf eine beachtliche Geschichte zurück. Entworfen hat ihn der französische Architekt Alexandre Marcel für die Weltausstellung in Paris im Jahr 1900. Auf Initiative von König Leopold II. wurde der Chinesische Pavillon zwischen 1901 und 1909 im königlichen Park in Laeken errichtet. Das Gebäude sollte die guten Beziehungen zwischen Belgien und China bezeugen.

Der Pavillon, der mit aufwendigen Schnitzereien und traditionellen südchinesischen Elementen verziert ist, wurde in Shanghai hergestellt und in Brüssel montiert.

Der 1913 eingeweihte Pavillon war ursprünglich als Restaurant gedacht gewesen, diente aber nie diesem Zweck. Während des 1. Weltkrieges (1914-1918) war der Pavillon geschlossen. Nach dem Ersten Weltkriegs wurde er an die Abteilung Wissenschaft und Kunst der Königlichen Museen für Kunst und Geschichte übergeben. Statt eines Restaurants wurde der Pavillon somit zu einem ständigen Ausstellungszentrum, in dem die belgischen Handels- und Kulturbeziehungen mit dem Fernen Osten präsentiert wurden. Zu der Ausstellung gehörte auch eine umfängliche Porzellansammlung, die 1946 dem belgischen Staat übereignet wurde.

Der chinesische Pavillon gilt als repräsentativ für die in Europa Ende des 19. Jahrhunderts weit verbreitete Mode der “Chinoiserien” und “Follies“. In Europa gibt es keine vergleichbaren Zeugnisse chinesischer Kultur. Zudem sind die geschnitzten Holzarbeiten im Chinesischen Pavillon zu einem sehr selten Kulturerbe geworden, da vergleichbare Werke heute auch in China selten geworden sind.

Mit dem Fortgang des Seidenstraßenpalast-Projekts arbeiten Diane Hennebert und ihr Team mit Nachdruck an der Restaurierung und dem Wiederaufbau dieses historisch und kulturell bedeutenden Gebäudes. Es ist zu hoffen, dass der Chinesische Pavillon dadurch wieder zu einem Zentrum des kulturellen Austauschs und der internationalen Zusammenarbeit in Brüssel wird. Dieses Projekt ist nicht nur ein wichtiges Symbol für die historischen Beziehungen zwischen Belgien und China, sondern auch ein eindrucksvolles Zeugnis des kulturellen und wirtschaftlichen Austauschs zwischen Ost und West im 21. Jahrhundert, das einen Vorgeschmack auf künftige intensivere Interaktionen und Kooperationen gibt.

Fotogalerie

Fotos: Jürgen Klute

Titelbild und Fotos: Jürgen Klute

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