Von Bernhard Clasen

Am 22. Dezember verkündete der russische Atomkonzern „Rosatom“, Erbauer des Belarussischen AKW, stolz, dass nun der zweite Reaktor im belarussischen Ostrowez mit Atombrennstoff befüllt werde. Auch die atomfreundliche Webseite world-nuclear-news.org berichtet euphorisch über das bevorstehende Anlaufen des zweiten Reaktors in Belarus. 

„Die interessanteste, aufregendste und verantwortungsvollste Phase des Baus des Kernkraftwerks ist seine Inbetriebnahme nach Abschluss der umfangreichen Bau- und Installationsarbeiten“, zitiert world-nuclear-news.org Alexander Lokschin, den Präsidenten von Atomstroyexport, einer Tochter von Rosatom, die für den Bau des AKW in Belarus verantwortlich zeichnet. „In dieser Phase verwandeln sich Kubikmeter Beton, Tonnen von Metallkonstruktionen, Kilometer von Kabeln und Rohrleitungen in einen lebenden Organismus, der mindestens 60 Jahre lang funktionieren und den Menschen zugute kommen wird.“

Etwas weniger begeistert sind indes andere Menschen aus Belarus und Russland über diesen Atomreaktor. Am Dienstag veröffentlichte der aus Warschau sendende oppositionelle belarussische Fernsehsender Belsat eine journalistische Untersuchung über Fehler und Störungen im ersten Reaktor des Belarussischen AKW.  

Mit einem der Interviewpartner, dem russischen Physiker Andrej Oscharowskij, sprach Bernhard Clasen. 

Bernhard Clasen: Was ist der Kern der journalistischen Untersuchung?

Andrej Oscharowskij: Der erste Reaktor ist dort ein Jahr in Betrieb. In dieser Zeit gab es acht Abschaltungen, zwei davon waren außerplanmäßig. Am 12. Juli dieses Jahres wurde der Reaktor außerplanmäßig abgeschaltet, und erst am 4. Oktober ging er wieder ans Netz. D.h. 84 Tage wurden für Reparaturen aufgewendet. Wir sprechen hier von etwa 18.000 Fehlern und Störungen, die durch Eile und unzureichende Qualifikation der Bauarbeiter verursacht wurden. Die Autoren des Programms schätzen, dass der Reaktor während insgesamt 40 Prozent seiner Betriebszeit stillstand.

BC: Können Sie einige konkrete Mängel benennen? 

AO: In einem Gebäude ist das Dach undicht. An vielen Stellen waren die Messgeräte falsch installiert, es gab Probleme mit der Belüftung und der Heizung, und der Reaktormantel selbst war undicht.

Und das größte Problem ist, dass das Brandschutzsystem nicht funktioniert. Die Kabeldurchführung zum Reaktorsicherheitsbehälter ist nicht hermetisch abgedichtet.

Der Hauptkritikpunkt: Kein Industrieprojekt darf mit solchen Mängeln vom Käufer abgenommen werden.

BC: Wer hat diese Fehler entdeckt?

AO: Die Mängel wurden von „Gosstroinadzor“ (der staatlichen Bauaufsicht), „Gosatomnadzor“ (der staatlichen Atomaufsicht), dem Katastrophenministerium und anderen Kontrollstellen festgestellt. Ein Dokument, das 15 Tausend Fehler dokumentiert, ist vom Bauleiter des AKW, Witali Poljanin, unterzeichnet.

BC: Und wie hat man von diesen schriftlich dokumentierten Mängeln erfahren? Die staatlichen Kontrollbehörden werden diese ja wohl nicht an die Medien weitergegeben haben?

AO: Die Umweltschützer haben viele Freunde unter den Beschäftigten des AKW. Und diese Freunde haben die Daten an die „Cyber-Guerillas“ weitergegeben.

BC: Warum sind Sie sich sicher, dass es sich nicht um ein Fake handelt?

AO: Es ist ein zu umfangreiches Dokument. Normalerweise sind die Fälschungen kurz. Außerdem werden genau die Codes und Abkürzungen verwendet, die bei Rosatom, dem Erbauer des AKW, üblich sind.

BC: Ihre Bewertung?

AO: Das Kernkraftwerk in Belarus ist nicht sicher. Auch auf die Nachbarländer werden noch einige Probleme zukommen.

Zum Hintergrund:

Das AKW Belarus liegt an der nordwestlichen Grenze von Belarus, 18 Kilometer von der Stadt Ostrovets und 40 Kilometer von der Hauptstadt Litauens (Vilnius) entfernt. Am 10. Juni 2021 wurde der erste Reaktor des AKW Belarus mit einer Leistungskraft von 1200 Megawatt kommerziell in Betrieb genommen.

Weiterführende Links

Titelfoto: Andrej Oscharowskij | Foto: privat

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