Von Frederik D. Tunnat
Der aktuelle Fall um Collien Fernandes und Christian Ulmen wirkt wie ein bizarrer Blick in einen menschlichen Abgrund, der uns fassungslos zurücklässt. Identitätsmissbrauch, KI-generierte Vergewaltigungsfantasien, die totale Zerstörung der Privatsphäre – und das innerhalb der eigenen Familie, gezielt eingesetzt gegen die eigene Ehefrau. Doch wie „Spiegel“ und die „Welt“ treffend analysieren, ist dies kein tragischer Einzelschicksal-Ausreißer, sondern das Symptom eines kranken Systems: des Online-Disinhibition-Effects.
Das Internet hebelt soziale wie moralische Kontrollmechanismen zahlloser Menschen scheinbar völlig aus. Der US-Psychologe John Suler beschrieb dieses Phänomen früh: Die Kombination aus Dissoziation (das Gegenüber ist nicht physisch präsent), Unsichtbarkeit und dem Gefühl der Straffreiheit lässt das Über-Ich kollabieren. Wer kein Gegenüber sieht, das Schmerz empfindet, verliert den Bezug zur eigenen Handlung. Im Fall Ulmen/Fernandes manifestiert sich dies in einer erschreckenden Pervertierung modernster Technik: Mit KI-gesteuerten Telefonaten und gefälschten Bildern wurde eine Scheinrealität erschaffen, die nur ein Ziel hatte – die systematische Erniedrigung des Nächsten, angeblich geliebten Menschen.
Doch wer glaubt, dass diese Gesetzlosigkeit auf private Rachefeldzüge beschränkt bleibt, irrt gewaltig. Der größte Brandbeschleuniger dieser Entwicklung sitzt nicht in einem dunklen Hobbykeller, sondern nutzt die Mechanismen der Enthemmung als globales politisches Geschäftsmodell: Donald Trump. Er hat den Effekt der Online-Enthemmung nicht nur übernommen, sondern perfektioniert und in den Dienst der Macht gestellt. Er ist der lebende Beweis dafür, dass die „Gewöhnung an das Extreme“ eine ganze Gesellschaft korrumpieren kann.
Das Prinzip der Abstumpfung
Was gestern noch schockiert hat, wirkt heute banal. Trump nutzt genau diese Dynamik der Aufmerksamkeitsökonomie. Durch ständige Grenzüberschreitungen, Beleidigungen und das bewusste Brechen von Gesetzen und Normen hat Trump das Weltpublikum abgestumpft. Er liefert den „Content“ für eine Arena, in der nicht das differenzierte Argument gewinnt, sondern die maximale unmoralische und destruktive Aufladung.
Man betrachte seine Rhetorik: Wenn er politische Gegner als „Ungeziefer“ (vermin) bezeichnet, Journalisten als „Volksfeinde“ deklariert oder sich über körperliche Behinderungen lustig macht, dann ist das die exakt gleiche Enthemmung, die wir im digitalen Mob erleben – nur skaliert auf die Weltbühne. Die Schwelle dessen, was sagbar und damit machbar ist, wird täglich ein Stück weiter in Richtung Barbarei verschoben. Jede Empörung über seine Exzesse wird von ihm als Treibstoff genutzt, um die nächste, noch drastischere Grenzüberschreitung vorzubereiten.
Die Zerstörung der Realität
So wie im Fall Ulmen/Fernandes die Identität manipuliert wurde und optische Deepfakes eingesetzt wurden, um ein falsches Bild der Realität zu erzeugen, manipuliert Trump die globale Wahrnehmung. Fakten werden durch Trump nur noch als „Fake News“ markiert, während er selbst mit „alternativen Fakten“ operiert. Inzwischen ist diese Strategie bei KI-Stimmen und Deepfakes angekommen, die politische Gegner in kompromittierenden, frei erfundenen Situationen zeigen.
Indem Trump die Unterscheidung zwischen Lüge und Wahrheit für irrelevant erklärt, bricht er das wertvollste Fundament einer offenen Gesellschaft: Vertrauen. Ohne eine gemeinsame Faktenbasis gibt es keine Debatte, nur noch das Gebrüll der Arena. Die Parallele ist frappierend: Während ein Ehemann die Stimme seiner Frau per KI imitiert, um sie zu diskreditieren, imitiert ein Präsidentschaftskandidat die Mechanismen der Rechtsstaatlichkeit, um sie von innen heraus auszuhöhlen. Beides sind Akte der totalen Enteignung der Persönlichkeit und der Wahrheit.
Die juristische Leere oder Triumph der Trolle
Der Fall Fernandes warnt schmerzhaft davor, dass unsere rechtlichen Instrumente längst nicht mehr ausreichen. Zwischen Stalking-Paragrafen und dem Schutz des Persönlichkeitsrechts klaffen gewaltige Lücken, durch die Täter fast ungehindert schlüpfen können. Genau in diese juristischen Lücken stößt Trump mit Vorsatz. Er agiert als politischer „Troll“ im großen Stil. Er macht aus Diskurs ein Spektakel und aus Moral eine Verhandlungssache für Klicks und Wählerstimmen.
Wenn ausgerechnet ein ehemaliger und aktuell amtierender Präsident die eigene Justiz angreift, Richter bedroht, zur Missachtung von Wahlergebnissen aufruft und Schmutzkampagnen zur Norm erklärt, legitimiert er damit zugleich das Verhalten jedes einzelnen kleinen, ihn imitierenden Internet-Trolls. Trump erteilt mittels seines amoralischen, gesetzeswidrigen Verhaltens nicht nur seinen Anhängern quasi die Erlaubnis zur totalen Enthemmung – er schafft ein Klima der Straffreiheit. Sein Signal an die Welt ist so simpel wie verheerend: „Es hat keine Konsequenzen. Es gibt kein Gegenüber, auf das du noch Rücksicht nehmen musst.“ Ob das Gegenüber die eigene Ehefrau ist oder die Verfassung eines Staates, spielt in dieser Logik der Macht keine Rolle mehr.
Die größte Gefahr ist der vollständige Verlust der „Fähigkeit zur Unterscheidung“ ethisch-moralischer Kriterien. In einer Welt, in der alles nur noch Zuspitzung, Memes und Entertainment ist, verschwindet die Empathie für Opfer vollständig. Die digitale Arena giert nach dem nächsten Kick, der nächsten Demütigung. Es findet eine Dehumanisierung statt: Das Opfer wird zum „Content“ degradiert.
Ganz gleich, ob es sich um die betrogene, erniedrigte Ehefrau handelt, die in gefälschten Chats verhöhnt wird, oder um die angegriffene Institution der Demokratie, die durch den Sturm auf das Kapitol geschändet wurde – der Mechanismus ist identisch. Die Zuschauer in den sozialen Netzwerken konsumieren das Leid als Spektakel. Wer den lautesten Schrei ausstößt oder die grausamste Pointe setzt, erntet die Likes.
Donald Trump hat das Internet nicht erfunden, aber er hat dessen hässlichsten Mechanismus – die absolute Enthemmung – zum Leitmotiv der Politik des 21. Jahrhunderts erhoben. Er hat das Gift der anonymen Kommentarspalten extrahiert und es in die Trinkwasserversorgung der Demokratie geleitet.
Solange wir Enthemmung mit der heute üblichen Aufmerksamkeit belohnen und Amoralität fälschlicherweise als „Authentizität“ missverstehen, wird der Brand, den er gelegt hat, weiter wie eine Naturkatastrophe um sich greifen. Wir müssen erkennen, dass der Schutz des Privaten vor digitalem Missbrauch untrennbar mit dem Schutz des Politischen vor dem „System Trump“ verbunden ist. Wir stehen nicht am Ende dieser Entwicklung, sondern bedauerlicherweise noch mittendrin. Es ist an der Zeit, die moralischen Kontrollmechanismen nicht nur im Gesetzbuch, sondern in unserem täglichen Urteilsvermögen wieder zu aktivieren.
Titelbild: Ars Electronica CC BY-NC-ND 2.0 DEED via FlickR
Auch ein Blog verursacht Ausgaben ...
213
Leave A Comment