Von Jürgen Klute

Dass Menschen, die als Geiseln verschleppt, gefangen gehalten und gefoltert wurden, über diese Erfahrungen öffentlich sprechen, ist selten. Das hat gute Gründe, denn solche Erfahrungen sind traumarisierend.

Die russisch-israelische Wissenschaftlerin Elizabeth Tsurkov wurde während eines Forschungsaufenthalts am 21. März 2023 von pro-iranischen Terroristen gewaltsam aus einem Vorort der irkaischen Hauptstadt Bagdad entführt. Nach 903 Gefangenschaft, Verhören und Folter kam sie am 9. September 2025 wieder frei.

Trotz der langen Geiselhaft und wiederholter Folter verfügt Tsurkov offensichtlich über die innerer Stärke, um über ihre Erfahrungen öffentlich zu sprechen. In einem Artikel, der ursprünglich in englischer Sprach auf der Webseite TheAtlantic.com und in deutscher Übersetzung von der Jüdischen Allgemeinen veröffentlicht wurde, analysier und beschreibt Tsurkov ihre Peiniger und das System, für das sie arbeiten.

Da die Jüdische Allgemeine als seriöses Medium bekannt ist, ist davon auszugehen, dass dieser Bericht Elizabeth Tsurkov authentisch ist. Natürlich ist es ein subjektiver Artikel aus der Perspektive des Opfers. Für Tsurkov ist der wissenschaftlich-analytische Blick auf ihre Peiniger und das hinter ihnen stehende System auch eine Strategie des Überlebens in einer Situation der Machtlosigkeit gewesen. Gleichwohl gibt der Bericht von Tsurkov wertvolle Einblicke zum Verständnis, wie autoritäre Systeme und deren Handlanger funktionieren. Verständnis bedeutet dabei nicht, Unmenschlichkeit und Verbrechen zu entschuldigen. Ein Verständnis der Funktionsweise autoritärer Systeme und der Menschen, die sich in deren Deinst stellen, kann jedoch Hinweise darauf geben, was man auf politischer und gesellschaftlicher Ebene langfristig tun kann, um das Entstehen solcher Systeme zu verhindern und auch die Herausbildung von Menschen, die bereit sind, sich in den Dienst solcher Systeme zu stellen. Das mag utopisch klingen, aber es nicht zu versuchen, wäre ethisch verwerflich.

Hier geht es zum Artikel:

  • Irak: »Ich wurde von Idioten entführt« 903 Tage lang war die russisch-israelische Wissenschaftlerin Elizabeth Tsurkov als Geisel in der Gewalt pro-iranischer Terroristen. Dies ist ihre persönliche Feldstudie zur Brutalität autoritärer Regime. Von Elizabeth Tsurkov | Jüdische Allgemeine, 12.03.2026

Titelbild: Aubrey Arcangel CC BY-ND 2.0 DEED via FlickR

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