Von Jürgen Klute
„Trotz vieler Unzulänglichkeiten ist die Europäische Union (EU) eine politische Institution, der es gelungen ist, dass es keine Kriege mehr zwischen den EU-Mitgliedsstaaten gibt“, sagt Tuncay Nazik, der Imam der Islamischen Gemeinde Röhlinghausen e.V., also in dem Stadtteil der Ruhrgebietsstadt Herne, in dem das geographische Zentrum des Ruhrgebiets liegt. „Für einen Kontinent, der historisch als der Kontinent mit den meisten Kriegen gilt, ist das ein nicht zu überschätzender politischer Erfolg, der ein Beispiel für andere heutige Regionen der Welt sein könnte, vielleicht auch für den Nahen Osten, um bestehende Feindseligkeiten in eine wirtschaftliche Kooperation umzulenken“, fährt Nazik fort, dessen Eltern 1974 aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind. Hinzu kämen die Werte der EU, wie Menschenrechte, Demokratie, Frauenrechte, Minderheitenschutz, Rechtsstaat, Gleichheit, soziale Gerechtigkeit. Das habe man den jungen Menschen in der muslimische Gemeinde in Herne-Röhlinghausen vermitteln wollen.
Aus dieser Absicht hat Nazik dann zusammen mit den Jugendleiter*innen der Gemeinde das Konzept einer Ausbildung von vor allem jungen Menschen zu Europabotschafter*innen entwickelt. Zuvor wurde die islamische Gemeinde schon 2025 vom Land NRW mit dem Titel „Europaaktive Zivilgesellschaft“ ausgezeichnet. Nun Europabotschafter:innen auszubilden fügt sich gut daran an. So begannen am 1. April 2026 ingesamt 15 Teilnehmende damit, sich zum einen durch Workshops und Vorträge mit der Geschichte, den Werten, der Zukunft und natürlich auch mit dem Aufbau und der nicht ganz einfachen Struktur der Europäischen Union zu befassen: mit dem europäischen Parlament, mit den Europawahlen, mit der Europäischen Kommission und dem Rat der Europäischen Union, in dem die Regierungen der EU-Mitgliedsländer vertreten sind und die gemeinsam mit dem Parlament die von der EU-Kommission auf der Grundlage der EU-Verträge ausgearbeiteten Gesetzesvorschläge verhandeln und beschließen. Die Workshops wurden in Zusammenarbeit mit dem Europe Direct Zentrum in Dortmund durchgeführt.
Ergänzt wurden diese theoretischen Teile der Ausbildung durch praktische Aktionen. So haben die 15 Teilnehmenden 1000 Europa-Taschen gemacht und verteilt. Weiter gab es einen Tag, an dem die Gruppe zu einem von der Landeszentrale für politische Bildung NRW zur Verfügung gestellten Europ-Puzzel-Wettbewerb eingeladen hat. Natürlich wurde nicht nur gepuzzelt, sondern es gab auch kleine Belohnungen und es wurde gemeinsam gegessen. Und dann gab es noch einen Malwettbewerb, in dem es sich um „Die verlorene Tasche“ drehte, ein Malbuch, das die EU herausgibt.
Am 5. Juni 2026 war es dann endlich so weit: Im Herner Zentrum für Demokratie im Stadtzentrum von Alt-Herne wurde den 15 Teilnehmenden im Rahmen einer kleinen Feier von der Vorsitzenden der Herner Europa-Union Julia Rimkus und dem ehemaligen Herne Europaabgeordneten Jürgen Klute ein Zertifikat ausgehändigt, das ihnen die Ausbildung zu einer Europabotschafterin bzw. zu einem Europabotschafter bestätigt. Katarina Barley, eine der 14 Vizepräsident*innen des Europäischen Parlaments, würdigte das Engagement der Teilnehmenden zu Beginn der Feier im Rahmen eines Grußwortes, das aus terminlichen Gründen als Videobotschaft ausgestrahlt wurde. Nach der Verteilung der Zertifikate gab es einen schmackhaften türkischen Imbiss.
Ermöglich wurde die Ausbildung vor allem durch das ehrenamtliche Engagement von Mitgliedern der islamischen Gemeinde. Ein Teil der Kosten wurde allerdings von der NRW-Landesinitiative „Europascheck“ gedeckt. Diese Initiative fördert herausragende Projekte, die sich für europäische Werte einsetzen, den Europagedanken in der Zivilgesellschaft stärken und den Menschen die verschiedenen Facetten einer lebendigen Demokratie näherbringen. Sie richtet sich an Vereine, Schulen, Kultur- und Sporteinrichtungen, außerschulische Bildungseinrichtungen, Kommunen und andere Akteure, mit kreativen Projektideen.
Auf die Frage, was die neuen Europabotschafterinnen weiter planen, erklärte Tuncay Nazik, dass sie zum einen Projekte zum Thema EU für Kindergärten und Schulen anbieten. Über verschiedene social media Kanäle würde auch schon dafür geworben. Zum anderen wollen sie mit Ständen an öffentlichen Veranstaltungen, wie z.B. Straßenfesten, teilnehmen und über die EU informieren und mit Menschen über den Sinn und die Bedeutung der EU – trotz all ihrer Mängel – ins Gespräch kommen.
Angesichts dessen, dass es sich hier um ein vorbildhaftes Projekt handelt (gerade zu einer Zeit, in der die EU durch ihre inneren Gegner und Feinde zunehmend unter politischen Druck gerät), das von einer migrantischen islamischen Gemeinde entwickelt und durchgeführt wurde, hätte das Projekt allerdings viel mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung verdient – nicht zuletzt seitens der Stadt Herne ebenso wie seitens der EU, als es bisher bekommen hat.
Transparenzhinweis: Der Autor war mit einem Vortrag an dem Projekt beteiligt.
Titelbild: privat
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