Ukrainische Atomwirtschaft trifft Vorkehrungen angesichts der Corona-Krise.

Von Bernhard Clasen

[Aktualisiert am 4. Mai 2020 – siehe unten]

Der Corona-Virus ist auch in der ukrainischen Atomwirtschaft angekommen. Zwei Mitarbeiter des in Energodar ansässigen „Atomkraftwerkes Saporischschja“, mit sechs Reaktorblöcken das größte europäische AKW, wurden positiv auf den Virus getestet. Das berichtet das offizielle Internetportal des Gebietes Saporoschschja am 14. April. Inzwischen wurde das Städtchen Energodar am letzten Wochenende und nun auch an diesem Wochenende vollständig abgeriegelt, rein und raus dürfen nur noch Personen mit einer eigenen Sondererlaubnis. Der städtische Friedhof ist sogar bis zum 29. April geschlossen. Polizisten und Soldaten kontrollieren die Einfahrten in die Stadt. Mit Stand vom 25. April sind in der Atomstadt 13 Personen mit COVID-19 infiziert. Das berichtet das in Energodar ansässige Internetportal.

Auch zwei Ärzte und drei Krankenschwestern der Atomstadt sind positiv auf den Virus getestet worden, so das Internetportal des Gebietes Saporischschja. Nun gelte es, so der oberste Amtsarzt des Gebietes Saporischschja, Roman Terechow, alle Mitarbeiter des AKW zu testen.

Auch im AKW Chmelnizkij ist ein Mitarbeiter mit dem Corona-Virus infiziert.

Und am Kernkraftwerk Riwne wurden Maßnahmen getroffen, um das Personal des AKW vor einer Ansteckung zu schützen. So seien besonders für den Betrieb des AKW wichtige Mitarbeiter in desinfizierten Räumlichkeiten im Hotel „Warasch“ untergebracht, wo sie regelmäßig medizinisch untersucht werden, berichtet das Internetportal des AKWs rnpp.rv.ua. Es werde alles getan, so das Portal, dass dieses Personal für die Dauer der Quarantäne nicht mit anderen Personen in Kontakt trete. In eigenen Kleinbussen werden sie vor Schichtbeginn vom Hotel zu ihrer Arbeitsstelle gebracht.

Ein Dokument des ukrainischen „Staatlichen wissenschaftlich-technischen Zentrums für Strahlensicherheit“ (SSTC) beschreibt die aktuelle Situation der Atomwirtschaft und die Maßnahmen zum Schutz der in der Atomwirtschaft beschäftigten Fachkräfte. Das SSTC gilt als staatlicher Think Tank, der der ukrainischen Atomaufsicht SNRIU zuarbeitet.

Vor dem Hintergrund eines wegen vorübergehender Werkschließungen gesunkenen Strombedarfes schließt man auch ein Herunterfahren der Reaktoren auf niedrigere Leistungen oder gar ein vollständiges Herunterfahren von Reaktoren nicht aus, heißt es in dem Papier. Erschwert werde die Lage durch das Fehlen einer einheitlichen Strategie im Kampf gegen diese Bedrohung. Noch immer habe man nur einen kommissarisch eingesetzten Energie- und Umweltminister.

An jedem Reaktor, so das SSTC, sei ein eigener „Korona“-Stab gebildet worden, der vor Ort Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus ergreifen solle. So sei es inzwischen Standard, dass die Fachleute der Atomwirtschaft, die in den Reaktoren arbeiten, regelmäßig medizinisch untersucht werden. Fast alle Dienstreisen sind abgesagt, Seminare und Konferenzen werden online abgehalten.

Eine Schwierigkeit, so das SSTC, sei die dünne Personaldecke in der Atomwirtschaft. Heute sei es viel schwerer als noch vor wenigen Jahren, gute Fachleute zu gewinnen. Man habe die Fachkräfte für die Dauer der Ansteckungsgefahr isoliert, d.h. sie werden in Hotels untergebracht, abgeschirmt zur Arbeit gefahren. Die Betroffenen werden auch medizinisch und psychologisch betreut.

Genau in dieser dünnen Personaldecke sehen Umweltschützer den großen Schwachpunkt der Atomwirtschaft in Corona-Zeiten. „In der Atomwirtschaft arbeiten hoch qualifizierte Fachkräfte“ berichtet Olexandra Zaika, Energy-Campaignerin bei der Umweltorganisation „Ökodia“. Diese könne man bei Erkrankung nicht einfach auswechseln. Zwar seien die Fachleute der Atomkraftwerke derzeit von der Gesellschaft aus Angst vor einer Ansteckung isoliert worden. Doch wenn sich dann doch mal eine Person infizieren sollte, bestehe die Gefahr, dass diese dann einige Kollegen anstecke, so Zaika. Die ukrainische Atomwirtschaft habe keinen Maßnahmenkatalog für eine der Korona-Krise vergleichbare Katastrophe erarbeitet, so Zaika. So habe man in den Umweltfolgenabschätzungen zwar alle möglichen Szenarien durchgespielt. Doch Personalmangel gehört nicht zu diesen durchgespielten Szenarien, so Zaika. Und man hätte auch als Eventualität mal durchspielen sollen, wie man bei einer z.B. vierwöchigen Abschaltung eines Reaktors wegen Personalmangels handeln soll. Denn auch bei einem heruntergefahrenen Reaktor muss man sich weiter um die Kühlung kümmern.

Eine weitere Herausforderung ist die Dürre, die schon jetzt zu unkontrollierten Bränden führt. Im Gebiet um den Reaktor Tschernobyl brennt es seit über 20 Tagen. In der Atomstadt Energodar zerstörte ein Brand am 25. April fünf Hektar Wald.

Für Andriy Martynyuk, Direktor des Ecoclubs Rivne, ist die anhaltende Trockenheit eine Gefahr. Denn diese, so Martynyuk, könnte zu einem Mangel des für die Kühlung der Reaktoren dringend benötigten Wassers führen.

Durchaus möglich, dass die von der ukrainischen Atomwirtschaft ergriffenen Maßnahmen Schlimmeres verhindern. Doch die jüngsten Feuer um den Reaktor von Tschernobyl im niederschlagsarmen Frühling haben erneut gezeigt, dass sich nicht alle gefährlichen Ereignisse, die die Sicherheit der AKWs betreffen, zeitnah in den Griff bekommen lassen.


Aktualisierung vom 4. Mai 2020

Zwölf Mitarbeiter des AKW Südukraine mit Corona infiziert.

Zwölf Mitarbeiter des AKW Südukraine sind mit Corona infiziert. Dies berichtet das Internetportal des AKW Südukraine am 4. Mai.

Vier Personen, so das Portal, seien so schwer erkrankt, dass sie stationär behandelt werden müssen, Sieben würden ambulant behandelt. Bei einer weiteren Person, die Symptome zeige, bestehe der Verdacht einer Infizierung.

Das Kernkraftwerk Süd-Ukraine ist im Oblast Mykolajiw südlich der Stadt Juschnoukrajinsk gelegen. Das Kernkraftwerk mit drei sowjetischen Reaktoren und einer Nettoleistung von 2850 Megawatt befindet sich rund 350 Kilometer südlich der Hauptstadt Kiew und ist derzeit das zweitgrößte der fünf Kernkraftwerke im Land, berichtet Wikipedia.

Hier die Meldung im ukrainischen Original auf der Plattform des AKW Südukraine.

Titelbild: Powerplant Tscherobyl | Foto: Olli Homann CC BY-NC 2.0 via FlickR

Links zum Artikel

Waldbrand in Energodar am 25. April 2020. Inzwischen soll offiziellen Angaben zufolge der Brand gelöscht sein.

Am Samstag, den 25. April, um 18:48 Uhr war der Brand gelöscht.

Mit Stand vom 25. April sind 13 Bewohner von Energodar mit dem Koronavirus infiziert:

Im AKW Chmelnizkij ist ein Mitarbeiter mit dem Koronavirus infiziert.

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