Beitrag von Bernhard Clasen

Der 77-jährige Rentner Razim Gasiew könnte sich in Ruhe an seinem Lebensabend ins Privatleben zurückziehen, hätte sich eigentlich einen ruhigen Lebensabend verdient. Der Politiker, der als Nationalist seine Karriere in der aserbaidschanischen „Volksfront“ begonnen hatte, war mit dabei, als das junge Aserbaidschan, soeben von der Sowjetunion losgelassen, eigene Strukturen aufbaute. Und wenig später, 1992, war er Verteidigungsminister Aserbaidschans. Dann folgte ein Krieg mit den Armeniern. Militärisch hat Aserbaidschan diesen Krieg verloren. Schon 1993 war seine Volksfront nicht mehr an der Regierung, an die Macht kam der Diktator Heidar Aliew. Und nun wurde Razim Gasiew zum Sündenbock für den verlorenen Krieg gemacht. Die aserbaidschanischen Medien bezeichneten ihn als den Mann, der Schuscha/Schuschi an die Armenier verloren, mitunter sogar „verraten“ hat. Ende 1993 wurde er wegen Hochverrat angezeigt und verhaftet.

Rasim Gasiew | Foto: privat

Schuscha/Schuschi ist eine alte Stadt mit einer sehr schönen Moschee. Und sie liegt in Berg-Karabach. Hoch oben auf den Bergen. Unten im Tal liegt Stepanakert/Chankendi, die Hauptstadt der von keinem Staat anerkannten „Republik Berg-Karabach“. Von Schuscha/Schuschi aus hatten die Aserbaidschaner Stepanakert/Chankendi beschossen und deswegen war es eines der wichtigsten Kriegsziele der Armenier, den Aserbaidschanern die Kontrolle über Schuscha/Suschi zu nehmen.

1994 konnte Razim Gasiew aus dem Gefängnis fliehen, und fand zunächst in Moskau Zuflucht. Unterdessen verurteilte man ihn in Aserbaidschan in Abwesenheit wegen Verbrechen gegen die Souveränität des Staates und der Verletzung der Unverletzlichkeit der Grenzen zum Tode. Seine „Schuld“: er soll die Stadt Schuscha/Schuschi an die Armenier verraten haben. Doch 1995 lieferte Moskau ihn an Aserbaidschan aus. Sein Todesurteil war inzwischen in lebenslange Haft umgewandelt worden, 2005 wurde er begnadigt. Dann am 12. Juni 2020 wurde er auf offener Straße unweit seiner Wohnung von Unbekannten zusammengeschlagen. Weder Polizei noch Krankenwagen bemühten sich zunächst um den schwer Verletzten.

Am 13. Juli 2020 wurde Gasiew verhaftet. Die Gründe sind unklar, man wirft ihm Sabotage vor. Doch der Subtext ist eindeutig: er ist der Mann, der angeblich schuld ist an dem verlorenen Krieg. Und an ihm will man sich rächen. Zwar wurde die U-Haft von Gaziew im September in Hausarrest umgewandelt. Doch die Verfolgung und die Angst vor einer erneuten Verurteilung sind real. Der Fall Gaziew zeigt, wie sehr die Stimmungen in Aserbaidschan, aber auch bei den Armeniern, von dem Konflikt um Nagornij Karabach geprägt sind.

Hinweis des Autors: Ortsbezeichnungen sind in armenischer und aserbaidschanischer Schreibweise geschrieben. Beispiel: Was für die Aserbaidschaner Schuscha ist, ist für die Armenier Schuschi.

Titelbild: Hotel Azerbaijan by La Laetti CC BY-NC 2.0 via FlickR

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