Kürzlich bat mich die Initiative “A Soul for Europe” in einem kurzen Text ein paar Gedanken zu dem Titel der Initiative aufzuschreiben. Die Texte der Autor*innen wurden in englischer Sprache hier veröffentlicht. An dieser Stelle veröffentliche ich die deutschsprachige Version meines Beitrags zu diesem Projekt: “Art is a basic need”.

Beitrag von Jürgen Klute

Es ist schon ein paar Jahre her, als ich mit meinem Fotoapparat in Paris auf Ausschau nach Graffiti diesen Satz, der mit einer Schablone auf eine Wand gesprüht war, entdeckte: „Art is a basic need“.

Durch besondere Schönheit fiel dieser Schriftzug unter den vielen anderen faszinierenden Graffiti in Paris nicht gerade auf. Angesprochen hat mich dieses Graffiti trotzdem. Ich konnte einfach nicht dran vorbeigehen ohne meine Kamera draufzuhalten.

Grundbedürfnisse hatte ich bisdahin vor allem mit Wasser, Lebensmittel, Kleidung, Energie und Wohnung in Verbindung gebracht.
Mit einem ähnlich nüchternen Blick habe ich lange auf die Europäische Union geschaut. Wenn man die Beziehungen zwischen Gesellschaften oder Staaten so vertiefen will, dass sie zusammenwachsen, dann muss man ihre ökonomische Basis so miteinander verweben, dass sie nicht mehr auseinanderfallen oder zerreißen kann.

Mit dem Vertrag der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl haben die Vorläufer der heutigen EU genau an diesem Punkt angesetzt. Das war auch sehr erfolgreich, wie man am Brexit beobachten kann: Eine Gesellschaft bzw. einen Staat aus der ökonomischen Verflechtung der EU wieder herauszulösen, kommt schon fast den sagenhaften Aufgaben der griechisch-antiken Göttergestalt Herkules gleich.

Aber genauso zeigt der Brexit, dass die ökonomische Integration – so entscheidend sie ist – nicht alles ist. Fehlt dem Ganzen eine Seele, dann kann offenbar eine noch so starke ökonomische Integration von Gesellschaften genau daran zerbrechen – mit dramatischen Folgen. Denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein, wie eine andere antike Quelle es sehr elementar, sehr anschlaulich und griffig formuliert.

Damit eine Seele leben kann, reicht ein Binnenmarkt nicht aus. Das Grundnahrungsmittel einer Seele ist die Kultur. Denn Kultur stiftet Sinn. Ohne Kultur, ohne lebendigen kulturellen Austausch – das ist meine Schlussfolgerung aus dem Brexit – wachsen die europäischen Gesellschaften nicht so eng zusammen, dass sie dauerhaft in der Europäischen Union zusammenleben können.

Mit anderen Worten: Die europäische Integration braucht neben der erfolgreichen ökonomischen Säule dringend eine ebenso starke und erfolgreiche kulturelle Säule, um auf Dauer lebensfähig zu sein.

„Art is a basic need“ – Kunst, Kultur ist ein Grundbedürfnis und kein Luxusgut.

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