Wie Integration gelingt!

Beitrag von Jürgen Klute

„Wer glaubt, für Fremdenfeindlichkeit brauche es Menschen aus fremden Ländern, irrt. Nach dem verlorenen Krieg drängten sich Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in Rest-Deutschland. Heute gilt ihre Aufnahme als vorbildlich – doch in Wahrheit schlugen ihnen damals Hass und Verachtung entgegen und der offen ausgesprochene Gedanke, nicht nach Westdeutschland, sondern nach Auschwitz zu gehören.“

Mit diesen Sätzen leitete Daniel Huber seinen Beitrag „In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, als es Deutsche waren“ vom 27.02.2016 auf dem Webportal „Watson“ ein. Im weiteren Verlauf des Artikels schildert Huber anhand etlicher Beispiele, wie feindselig die Vertriebenen aus dem Osten im Westen aufgenommen wurden.

Als ich 1986 ins Ruhrgebiet zog, erzählte mir meine Vermieterin, die 1945 mit ihrem Mann und ihren Zwillingen aus Schlesien geflohen und zunächst nach Bottrop gekommen war, dass sie die ihnen zugewiesene Wohnung nur mit Hilfe der britischen Militärpolizei beziehen konnten. Und da ihr Vorname keiner katholischen Heiligen zuzuordnen war, wollte der Standesbeamte im katholisch geprägten Bottrop bei der Registrierung ihr einen neuen katholischen Vornamen verpassen. Und aus meiner Jugend in Ostwestfalen ist mir in Erinnerung geblieben, dass Flüchtlinge noch in 1970er Jahren als Flüchtlinge klassifiziert wurden.

Die sehr pointierten Schilderungen Daniel Hubers über die oftmals unfreundliche Aufnahme der Vertriebenen im Rest-Deutschland decken sich jedenfalls mit meinen eigenen punktuellen punktuellen Beobachtungen.

Sie decken sich auch mit den Aussagen des Historikers Andreas Kossert, die er kürzlich in einem Spiegel-Interview machte, das überschrieben ist mit „Verlaust, zerlumpt – damit entsprachen sie dem Klischee“ (Spiegel vom 12.02.2018).

Kossert, dessen Forschungsschwerpunkt die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945 ist, beschreibt in dem genannten Interview allerdings auch, wie auf Dauer die Integration der Flüchtlinge dann doch gelungen ist. Integration versteht Kossert dabei nicht als Assimilation.

Politische und wirtschaftliche Integration

War die Aufnahme und die Behandlung der Flüchtlinge in den ersten Jahren kaum unterschieden von der Aggressivität, mit der der heutige ebenfalls vor allem politisch rechts zu verortende Teil der bundesrepublikanischen Bevölkerung Flüchtlingen begegnet, so gibt es doch einen großen Unterschied zu damals. Die Vertriebenen waren mit der Gründung der Bundesrepublik 1949 automatisch deren Staatsbürger*innen. Damit hatten sie aktives und passives Wahlrecht und konnten sich aktiv und direkt in politische Entscheidungsprozesse einbringen. Und sie haben das in unterschiedlicher Weise gemacht, wie Kossert nachzeichnet. Allein als Wähler stellten sie eine Macht da, die die politischen Parteien nicht ignorieren konnten. Mit dem Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) hatten die Vertriebenen eine eigene Partei, die 1953 sogar für einige Jahre den Einzug in den Bundestag schaffte.

Ein zweiter wesentlicher Unterschied zu heute war das 1952 verabschiedete Lastenausgleichsgesetz, das die Vertriebenen materiell so ausstattete, dass sie wirtschaftlich einigermaßen abgesichert waren und das ihnen den Anschluss an das langsam beginnenden Wirtschaftswunder sicherte. Auch darauf verweist Kossert in dem Interview.

Politische Beteiligung aufgrund der Staatsbürgerschaft und wirtschaftliche Beteiligung aufgrund einer materiellen Umverteilung zugunsten der Vertriebenen – also durchaus eine gewisse Umverteilung von oben nach unten – dürften die Schlüssel der langfristig dann doch weitgehend gelungenen Integration gewesen sein.

Die politische Beteiligung – also aktives und passives Wahlrecht – verschafft Gehör. Und eine materielle Beteiligung erleichtert die soziale Integration. Die politische Beteiligung scheint allerdings die Voraussetzung für die damalige materielle Beteiligung gewesen zu sein.

Gesellschaftliche Veränderungen

Kossert und Huber lassen aber auch nicht unerwähnt, dass die Flüchtlinge – es waren immerhin 12 bis 14 Millionen – die Gesellschaft der Bundesrepublik nachhaltig verändert haben. In Bayern, so Daniel Huber in seinem Artikel, wuchs die Bevölkerungszahl ab 1945 durch die Flüchtlinge um 30 %, in Schleswig-Holstein sogar um 67 %. Gewachsene Dorfstrukturen haben sich verändert, neue ungewohnte Dialekte haben die Sprachlandschaft verändert und in Norddeutschland mussten plötzlich Protestanten mit Katholiken zusammenleben. Gerade letzteres stelle einen großen Umbruch dar, denn die konfessionelle Ordnung in Deutschland hatte sich seit Ende des Dreißigjährigen Krieges kaum geändert.

Und schließlich, so Kossert, trugen die Flüchtlinge ganz erheblich zum Wirtschaftswunder der jungen BRD bei.

Die durch die Aufnahme der Flüchtlinge bedingten gesellschaftlichen Änderungen waren also keineswegs negativ, sondern haben erheblich zur Modernisierung der Gesellschaft und zum wirtschaftlichen Wiederaufbau beigetragen, auch wenn die Flüchtlinge anfangs eine Belastung für die durch den Krieg zerstörte Wirtschaft waren.

Mechelen 

Zeitgleich mit dem Interview mit Andreas Kossert erschien auf Spiegel Online am 12. Februar 2018 ein Interview mit Bart Somers, dem Bürgermeister von Mechelen. Das ist eine mittelgroße Stadt unweit von Brüssel, während des zweiten Weltkrieges Sammellager der Nazis für Juden, von dem aus sie direkt mit Zügen nach Auschwitz deportiert wurden.

Die Geschichte, die Bart Somers zu erzählen hat, ist eine etwas andere als die von Andreas Kossert und Daniel Huber. In Mechelen geht es nicht um Flüchtlinge, aber es geht auch um Integration. Flüchtlinge und Migranten sind zwar zu unterscheiden. Flüchtlinge müssen ihr Land verlassen und anderswo Schutz suchen. Migranten hingegen, die eben einen beträchtlichen Teil der Einwohner von Mechelen stellen, wechseln ihr Land nicht aufgrund akuter Gefahr für ihr Leben. Die Frage der Integration in die aufnehmende Gesellschaft stellt sich jedoch in beiden Fällen.

Bart Somers ist schon seit 17 Jahren Bürgermeister von Mechelen. Politisch ist er bei der Open VLD (Liberale und Demokraten) verortet. Vor 17 Jahren galt Mechelen, in dem Migranten aus 138 verschiedenen Ländern leben, als Problemstadt. Heute gilt die Stadt als Modell für eine gelungene Integration.

Auch hier spielt die wirtschaftliche Integration eine wichtige Rolle. Zunächst wurden Investitionen getätigt um abgehängte Stadtteile zu sanieren und dauerhaft in einem guten Zustand zu erhalten. Zudem wurde das soziale Leben in den Stadtteilen aktiviert.

Weiterhin wurde in Personal investiert: in Nachbarschaftshelfer, Streetworker, Beratungspersonal, Stadtreinigung, aber auch in eine personelle Verstärkung der Polizei.

Und schließlich hat Bart Somers durchgesetzt, dass Migranten auch ihre Kultur pflegen können. So gibt es beispielsweise auf dem Friedhof einen Bereich, der Begräbnissen nach muslimischem Brauch vorbehalten ist.

Kritik muss Bart Somers von links und rechts einstecken (vielleicht ist das auch eine Folge des Parteiensystems westlicher Gesellschaften, dass extrem auf Wettbewerb, Abgrenzung, Ausgrenzung und auf die Herausstellung von Alleinstellungsmerkmalen angelegt ist statt auf Problemlösung). Dennoch spricht nach 17 Jahren der Erfolg der Politik von Bart Somers für sich. Mechelen hat wieder einen Einwohnerinnenzuwachs zu verzeichnen. Die Kriminalität ist drastisch zurückgegangen. Besonders stolz ist Mechelen darauf, dass kein einziger Islamist bekannt ist, der aus Mechelen kommt. Auch politisch hat sich die Lage deutlich geändert. Vor Jahren noch zog die extrem rechte und rassistische Partei „Vlaams Belang“ ein Drittel der Wählerstimmen auf sich. Heute sind es nur noch knapp 9 %. Dass in Belgien seit 2004 auch Bürgerinnen, die keinen EU-Pass haben, kommunales Wahlrecht haben, dürfte dem Bürgermeister bei Wahlen zugute kommen.

Zusammenfassung

Von den Erfahrungen mit der Integration der Flüchtlinge nach dem 2. Weltkrieg in der Bundesrepublik und von den langjährigen Erfahrungen der Integration von Migrantinnen in Mechelen scheinen sich folgende Prinzipien für eine sinnvolle und gelingende  Integrationspolitik ableiten zu lassen:

  • Politische Integration (aktives und passives Wahlrecht) als förderliche Bedingung wirtschaftlicher Integration
  • Wirtschaftliche Integration als förderliche Bedingung sozialer Integration (Umverteilung von oben nach unten)
  • Soziale Begleitung und Beratung sowie soziale Stadtentwicklung
  • Einrichtung kultureller Gestaltungsräume (Religion und Riten zu bestimmten Lebensereignissen, etc.) – also Integration statt Assimilation
  • Konsequente Durchsetzung gemeinsamer Regeln (Rechtsordnung)

Bei Berücksichtigung dieser Prinzipien – so zeigt die Geschichte der Bundesrepublik aber auch das Beispiel Mechelen – ist es möglich, auch deutlich größere Zahlen von Flüchtlingen als bisher aufzunehmen. Das bedingt zwar Veränderungen der Gesellschaft. Aber eine gelingende Integration führt für alle Seiten zu einer Steigerung der Lebensqualität. Auch das belegen die besprochenen Beispiele. Schließlich und endlich ist eine gelingende Integration ein wirksames Instrument, um rechten Parteien den Nährboden zu entziehen, allerdings nur solange diese noch nicht die politische Mehrheit stellen.

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