Hipster-Debatte: Wer ist hier provinziell?

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Hipster-Debatte: Wer ist hier provinziell?

Beitrag von Taylan Engin 

Kennen Sie das Gefühl? Sie lesen eine Gesellschaftskritik in der Zeitung und realisieren, dass Sie selbst, oder Freunde von Ihnen, gemeint sind? Ich habe dieses Gefühl, wenn es um Migranten, Online-Shopper, Zigarettenraucher oder Ultras von Eintracht Frankfurt geht. Ein Teil der Kritik ist häufig wahr und wir müssen schmunzeln, wenn wir in der Zeitung lesen, was wir doch für Gesindel seien. Ich habe aber den dringenden Verdacht: Immer dann, wenn ich mich angesprochen fühle, oder einer meiner Freunde, dann war ein CDUler am Werk.

Genau wie jetzt, in dieser Woche. Jens Spahn, 37, CDU-Präsidiumsmitglied, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, findet: Hipster in Berlin sollten Deutsch miteinander reden, nicht Englisch. In manchen Cafés würden Kellner und Gäste nur noch auf Englisch kommunizieren. Er fordert: ein bisschen mehr Respekt vor der deutschen Sprache, und natürlich vor dem Deutschsein an sich! Sonst, mahnt der Politiker, würden Hipster sich von „Normalbürgern“ – wer ist eigentlich dieser „Normal“ von dem immer alle sprechen – abschotten. Das sei elitär. Und nicht kosmopolitisch, sondern provinziell!

Mich stört daran gar nicht, dass Herr Spahn die Hälfte meiner Freunde meint. Darüber kann ich schmunzeln. Doch ganz beiläufig vernichtet er mein Hauptargument, mit dem ich bislang erfolgreich Migranten verteidigen konnte: „Wieso sollten Migranten eigentlich Deutsch lernen…“, befand ich, „wenn Deutsche in Berlin nur noch Englisch sprechen?“ – aber die sind jetzt wohl auch verhasst. Eine Randnotiz: Bei Herrn Spahn schwingt im Unterton eine „aber-versteht-mich-bitte-nicht-falsch“ Rhetorik mit, die ihn offenbar davor schützen soll, in die rechte Ecke gedrängt zu werden und diese recht wirtschaftsstarke Hipster-Klientel zu vergraulen. Mir ist nur aufgefallen: wenn man Migranten auffordert deutsch zu sprechen (und nicht junge Unternehmer in Berlin), dann schwingt dieser nette Unterton – gerade bei der CDU – häufig nicht mit.

“Respektlosigkeit”?

Ich finde, wer deutsch kann, und in Berlin englisch spricht, ist nicht, wie Herr Spahn meint, „provinziell“. Aber wer das kritisiert, so wie er, der ist auch nicht automatisch provinziell. Nur in diesem speziellen Fall, seine Argumentation, die ist es doch! Und sie ist rechts! Trotz des netten Untertons! Weil Herr Spahn nämlich findet, es handele sich hier um eine „Respektlosigkeit“ gegenüber der deutschen Sprache und dem Deutschsein. Aber was hat das Ganze mit Respekt zu tun? Respekt vor wem? Sein seltsames Beispiel: Wenn er auch nur zwei Wochen im Ausland sei, dann würde er versuchen, ein paar Worte der Landessprache zu erlernen, „schon aus Respekt vor meinem Gastland“, wie er meint. Ich frage mich nicht nur, für welchen Bruchteil von CDU- Wählern das gilt, die jedes Jahr Urlaub in der Türkei machen. Ich frage mich vor allem, was das Ganze mit Respekt zu tun hat. Es gibt nette und eklige Urlauber, keine Frage, aber kein Kellner auf dieser Welt prüft, ob man beim Bestellen seiner Nation den nötigen „Respekt“ zollt. Und wenn doch, dann ist er vermutlich ein Vollidiot. Und wer Respekt nur über Nation und Patriotismus definiert, so wie Herr Spahn, der ist, ja, der ist provinziell. Und irgendwie rechts!

Außerdem ist nicht nur wichtig was Politiker sagen, sondern wann sie es sagen. Und jetzt… jetzt ist Wahlkampf. Worte wie „Respekt“ und „Deutsch“ in einem Satz zu sprechen, das „Verhältnis von uns Deutschen zu uns selbst“ zu thematisieren, einen Verweis auf die Franzosen zu bringen, die im Vergleich zu uns doch so stolz auf ihre Sprache und ihre Kultur seien – all das hört sich – im Wahlkampf – doch sehr nach AfD an. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich gutheißen kann, dass man der AfD die Stimmen klauen will, indem man ihr die Themen klaut.

Dennoch finde ich die Kritik interessant, muss ich zugeben, denn sie erinnert mich so sehr an die endlosen Debatten um Migranten. In Wirklichkeit zielt sie aber ab auf Menschen wie mich, die im Ausland studiert haben – „Generation easyJet“ halt – und zur akademischen Elite gehören. Elite, Globalisierung – ich dachte immer, das wären CDU Themen?

Foto: Scott Hart (CC BY-NC-ND 2.0)

Falsches Signal an Europa

Aber als die CDU anfing von Europa und Globalisierung zu sprechen, Studiengebühren einzuführen – Politik für eine elitäre Jugend schlechthin -, da gab es die AfD noch nicht. Und die Kritik von Herrn Spahn, zum jetzigen Zeitpunkt, ist ein absolut falsches Signal an Europa! Sie ist Kritik an einer europäischen, einer globalen Subkultur, deren Anhänger keine Flüchtlingsheime anzünden, sondern bloß auf Vernissage gehen, Freunde in anderen europäischen Großstädten besuchen, Musikgeschmäcker mit ihnen teilen und niemanden ausschließen – egal welcher Herkunft, Hautfarbe oder sexuellen Gesinnung. Um es auf den Punkt zu bringen: diese Hipster sind einer der wenigen wasserdichten Beweise dafür, dass Europa lebt, dass es Europa gibt, und dass sich hinter diesem Pathos der letzten 60 Jahre eine gemeinsame Kultur verbirgt, und nicht bloß eine Neoliberalisierung der Märkte.

Zwischen den Zeilen bringt Jens Spahn schließlich doch etwas Wichtiges zum Ausdruck: Es gibt in Deutschland, und in Europa generell, ein wachsendes Gefälle zwischen Stadt und Land. Menschen in ländlichen Regionen fühlen sich in Politik und Medien unterrepräsentiert, und wirtschaftlich vernachlässigt oder gar abgehängt. Zugleich entsteht in Großstädten eine Parallelgesellschaft, die so wirkt, als könne sie zwar Goethe interpretieren (kann sie gar nicht), aber kein Fahrrad reparieren; als würde sie sich für Revolutionen interessieren, aber an einer Schnittwunde verbluten können. Aber so ist das halt! Großstädte haben immer schon ein Eigenleben geführt. Es gibt sie schon viel länger als nationale Grenzen. Und Berlin ist nicht nur Deutsch, Berlin ist vor allem Berlin.

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By | 2017-09-30T00:38:39+00:00 30-08-2017|Autoren, Featured Article, Start, Taylan Engin|0 Comments

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