Das Christliche Abendland und das Recht der Vertriebenen und Flüchtlinge

Das Christliche Abendland und das Recht der Vertriebenen und Flüchtlinge

Zu Weihnachten 2017

Nazis, Pegida, AfD, Rassisten wollen das christliche Abendland gegen Fremde verteidigen. Doch: Christliche Ethik steht für Solidarität und Offenheit gegenüber Fremden!

Beitrag von Jürgen Klute

“Dann soll der Priester den Korb aus deiner Hand entgegennehmen und ihn vor den Altar des Herrn, deines Gottes, stellen. Du aber sollst vor dem Herrn, deinem Gott, folgendes Bekenntnis ablegen: 

Mein Vater war ein heimatloser Aramäer. Er zog nach Ägypten, lebte dort als Fremder mit wenigen Leuten und wurde dort zu einem großen, mächtigen und zahlreichen Volk. Die Ägypter behandelten uns schlecht, machten uns rechtlos und legten uns harte Fronarbeit auf. Wir schrien zum HERRN, dem Gott unserer Väter, und der Herr hörte unser Schreien und sah unsere Rechtlosigkeit, unsere Arbeitslast und unsere Bedrängnis. Der Herr führte uns mit starker Hand und hoch erhobenem Arm, unter großem Schrecken, unter Zeichen und Wundern aus Ägypten, er brachte uns an diese Stätte und gab uns dieses Land, ein Land, wo Milch und Honig fließen.“

Dieser Text klingt nicht nur so, er ist tatsächlich der Bibel entnommen. Es ist ein Text aus dem Alten Testament, nämlich die Verse 4 bis 9 aus dem 26. Kapitel des 5. Buches Moses. Und es ist nicht irgend ein Text. In der alttestamentlichen Wissenschaft wird dieser Text als kleines geschichtliches Glaubensbekenntnis bezeichnet. Dieser Text wurde zu seiner Zeit gesprochen, wenn die Israeliten nach der Ernte ein Zehntel dessen, was sie geerntet hatten, als Opfer abgegeben haben.

Dieses Opfer ist allerdings nicht für eine abstrakte Gottheit gedacht gewesen, sondern für soziale Zwecke, wie im 12. und 13. Vers dieses Kapitels zu lesen ist:

„Und siehe, nun bringe ich hier die ersten Erträge von den Früchten des Landes, das du mir gegeben hast, HERR. Wenn du den Korb vor den Herrn, deinen Gott, gestellt hast, sollst du dich vor dem Herrn, deinem Gott, niederwerfen.

Dann sollst du fröhlich sein und dich freuen über alles Gute, das der Herr, dein Gott, dir und deiner Familie gegeben hat: du, die Leviten und die Fremden in deiner Mitte. Wenn du im dritten Jahr, dem Zehntjahr, alle Zehntanteile von deiner Ernte vollständig ausgesondert und für die Leviten, Fremden, Waisen und Witwen abgeliefert hast und sie davon in deinen Stadtbereichen essen und satt werden, dann sollst du vor dem Herrn, deinem Gott, sagen: Ich habe alle heiligen Abgaben aus meinem Haus geschafft. Ich habe sie für die Leviten und die Fremden, für die Waisen und die Witwen gegeben, genau nach deinem Gebot, auf das du mich verpflichtet hast. Ich habe deine Gebote nicht übertreten und nicht vergessen.“ 

Ausdrücklich sind hier die Fremden gleichrangig mit Waisen und Witwen genannt. Gerade auch die Fremden sollen aus diesen Opfergaben versorgt werden, nicht nur die “eigenen” Leute.

Sinn dieser alttestamentlichen Opfergabe war eine Umverteilung von denen, die genug hatten, zu denen, die nicht genug zum Leben hatten. Dieser alttestamentlichen Opfergabe entsprechen heute die Steuern, aus denen im Zuge einer gesellschaftlichen Umverteilung die mit versorgt werden, die aus eigener Kraft nicht für sich selbst sorgen können und auf die Hilfe anderer angewiesen sind.

In diesem knappen Glaubensbekenntnis Israels wird mit wenigen Worten eine Schlüsselerzählung des alttestamentlichen Glaubens nachgezeichnet: Es ist die Geschichte von Joseph, der aus Eifersucht von seinen Brüdern an eine vorbeiziehende Karawane verkauft wird. Mit dieser Karawane gelangt er nach Ägypten, wo er eine politische Kariere am Hofe des Pharao beginnt.

Einige Jahre später kommt es im Land seiner Familie aufgrund einer Dürre zu einer Hungerkatastrophe. Angesichts der aussichtslosen wirtschaftlichen Lage flüchtet die Familie nach Ägypten und trifft dort Joseph wieder. Joseph nimmt nicht Rache an seinen Brüdern, sondern gibt seiner der Hungersnot entflohenen Familie eine neue Existenzgrundlage in ihrer neuen Heimat.

Die Erzählung fährt damit fort, dass etliche Jahre später die Nachkommen von Joseph und seiner Familie vom dann herrschenden Pharao zur Sklavenarbeit gezwungen werden, bis Moses sich zu ihrem Anführer entwickelt und die Nachkommen Josephs und seiner Familie aus der Sklaverei in Ägypten befreit.

Diese Erfahrungen von Hunger, Flucht, Hilfe, Unterdrückung und Rettung aus der Versklavung sind zentrale Elemente des alttestamentlichen Glaubens. So sehr, dass sie im Mittelpunkt des kleinen geschichtlichen Glaubensbekenntnis stehen. Ebenso sind diese Erfahrungen in einen weiteren Schlüsseltext des Alten Testaments eingegangen, in die zehn Gebote. So fordert das 1. Gebot mit dem Verweis auf die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten die Einhaltung der in den Geboten formulierten Normen ein:

Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus (2. Moses 20,2 und 5. Moses 5,6). 

In der 2. Version der 10 Gebote im 5. Buch Mose wird u.a. auch das Sabbatgebot mit der Befreiungserfahrung aus der Versklavung begründet:

„Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem HERRN, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du und dein Sohn und deine Tochter und dein Sklave und deine Sklavin und dein Rind und dein Esel und dein ganzes Vieh und dein Fremder in deinen Toren. Dein Sklave und deine Sklavin sollen sich ausruhen wie du. Gedenke, dass du Sklave warst im Land Ägypten und dass dich der HERR, dein Gott, mit starker Hand und ausgestrecktem Arm von dort herausgeführt hat. Darum hat es dir der HERR, dein Gott, geboten, den Sabbat zu begehen.“ (5. Mose 5,14-15)  

Mit der Erfahrung der Befreiung aus der selbst erlittenen Schuld-Sklaverei in Ägypten wird immer wieder im Alten Testament die Pflicht zum Teilen und das Recht der Fremden, Waisen, Witwen und Armen begründet, wie die beiden weiteren Textpassagen noch einmal stellvertretend für alle weiteren belegen mögen:

„Ihr sollt die Vorhaut eures Herzens beschneiden und nicht länger halsstarrig sein. Denn der Herr, euer Gott, ist der Gott über den Göttern und der Herr über den Herren. Er ist der große Gott, der Held und der Furchterregende. Er lässt kein Ansehen gelten und nimmt keine Bestechung an. Er verschafft Waisen und Witwen ihr Recht. Er liebt die Fremden und gibt ihnen Nahrung und Kleidung – auch ihr sollt die Fremden lieben, denn ihr seid Fremde in Ägypten gewesen.“ (5. Mose 10, 16-19 )

„Du sollst sieben Wochen zählen. Wenn man beginnt, die Sichel an den Halm zu legen, sollst du beginnen, die sieben Wochen zu zählen. Danach sollst du dem Herrn, deinem Gott, das Wochenfest feiern und dabei eine freiwillige Gabe darbringen, die du danach bemisst, wie der Herr, dein Gott, dich segnen wird. Du sollst vor dem Herrn, deinem Gott, fröhlich sein, du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, auch die Leviten, die in deinen Stadtbereichen Wohnrecht haben, und die Fremden, Waisen und Witwen, die in deiner Mitte leben. Du sollst fröhlich sein an der Stätte, die der Herr, dein Gott, erwählen wird, indem er dort seinen Namen wohnen lässt. Denk daran: Du bist in Ägypten Sklave gewesen! Daher sollst du diese Gesetze bewahren und sie halten.

Das Laubhüttenfest sollst du sieben Tage lang feiern, nachdem du das Korn von der Tenne und den Wein aus der Kelter eingelagert hast. Du sollst an deinem Fest fröhlich sein, du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, die Leviten und die Fremden, Waisen und Witwen, die in deinen Stadtbereichen wohnen.“ (5. Mose 16,9-14)

Das Alte Testament kennt im übrigen nicht nur die Pflicht der Habenden zum Teilen, sondern auch den Rechtsanspruch der Bedürftigen auf einen Anteil dessen, was erwirtschaftet wurde. Und zu diesem Personenkreis gehören ausdrücklich die Fremden! Egal aus welchem Grund sie gekommen sind. Hunger, einer der zentralen Fluchtgründe der Gegenwart, ist ein schon in den Zeiten des Alten Testaments relevanter Fluchtgrund. So heißt es beispielsweise in 1. Moses 12,10:

„Es kam aber eine Hungersnot über das Land. Da zog Abram nach Ägypten hinab, um sich dort als Fremder niederzulassen; denn die Hungersnot lastete schwer auf dem Land.“

Flucht vor einer Hungersnot ist das auslösende Moment gewesen für den alttestamentlichen als Vätergeschichten bezeichneten Erzählkreis „Israel in Ägypten“ einschließlich der Erzählungen über die daraus folgende Versklavung und Unterdrückung und der Befreiung aus dieser Versklavung. In diesen Erzählungen des Alten Testaments geht es weniger um einen historischen Bericht als um die theologische Aufarbeitung und Deutung der Erfahrungen von Menschen, die in der heutigen Debatte oft mit diskriminierender Akzentuierung als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnet werden.

Letztlich ist aber ist diese Erzählung antiker Wirtschaftsflüchtlinge, ihre theologische Deutung ihrer Erfahrungen von Hunger, Rettung, Unterdrückung und Befreiung aus der Unterdrückung, die konstituierende Erzählung der jüdischen Religion und und in Folge auch des Christentums.

Die Flucht-Erfahrungen haben bis ins neue Testament (das sich in Teilen auch als Neu-Interpretation des Alten Testaments, als re-lectura, um einen Begriff der Befreiungstheologie aufzunehmen,verstehen lässt) hineingewirkt. Ihr Echo finden sie in der Geburtsgeschichte Jesu im Matthäus-Evangelium (Kapitel 2,13-15):

„Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten. Da stand Josef in der Nacht auf und floh mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten. Dort blieb er bis zum Tod des Herodes. Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“

In dieser Erzählung spielt der zweite große Fluchtgrund der Gegenwart eine zentrale Rolle: Die Flucht vor politischer Verfolgung und die Rettung vor Verfolgung, vor Vernichtung.

Wer vom christlichen Abendland schwadroniert und dieses gegen alle Fremden abriegeln will, der sollte sich zunächst noch einmal diese Schlüsselerzählungen, die dem Judentum und dem Christentum gemeinsam zugrunde liegen, anschauen. Das Christentum wie auch das Judentum, aus dem sich die christliche Religion entwickelt hat, sind Religionen, in denen die Erfahrungen von Flucht und Not und die Rettung aus diesen existenzbedrohenden Lebenssituationen von zentraler Bedeutung sind. Aus diesen Leid-Erfahrungen der Gedemütigten und Unterdrückten und nicht aus den Erfahrungen der Unterdrücker hat sich eine Ethik des Teilens, der Gerechtigkeit und der Solidarität entwickelt, sie sind eine von mehreren Wurzeln, aus denen sich die allgemeinen Menschenrechte nähren – unbeschadet aller schrecklichen Fehlentwicklungen, die vor allem das Christentum im Laufe der Jahrhunderte hervorgebracht hat.

Ziel dieser Ethik des Teilens, der Gerechtigkeit und der Solidarität ist die Abwehr von Unterdrückung und die Schaffung von würdigen Lebensbedingungen für alle Menschen – Albert Schweitzer würde wohl noch weitergehend gesagt haben: für alle Lebewesen. Weil wir Menschen sind, weil wir nur einen Planeten haben, auf dem wir zusammen leben, weil wir nur einen Planeten haben, den wir uns teilen können und müssen und weil wir nur dieses eine Leben auf diesem Planeten haben. Weil wir als Menschen gleichwertig sind und gleiche Rechte haben und niemand das Recht hat, dieses infrage zu stellen. Letztlich spielt es dabei auch keine Rolle, weshalb sich Menschen auf den Weg anderswohin gemacht haben.

In diesem Sinne ist es wünschenswert, dass die BRD, dass die EU christliches Abendland sind: weltoffen, solidarisch, bedingungslos den Menschenrechten verpflichtet. Wer dem nicht zustimmen kann, wer Flüchtlinge nicht aufnehmen und mit ihnen nicht solidarisch sein will,  mit ihnen nicht teilen will, kann sich nicht als Teil eines christlichen Abendlandes bezeichnen.

Für Nazis, für Nationalisten, für Pegida, AfD und Rassiten gibt es in einem christlichen Abendland keinen Platz. Mit dem Holocaust haben sie jedes Anrecht auf einen Platz im christlichen Abendland ein für alle Mal verwirkt.


Dieses Werk ist lizenziert unter einer CCreative Commons BY-NC-ND 4.0 International License (nicht-kommerzielle, unveränderte Nutzung unter Nennung des Namens des Autors / der Autorin ist erlaubt).

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