The Circle – ein dystopischer Film begleitet die Bundestagswahlen

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The Circle – ein dystopischer Film begleitet die Bundestagswahlen

Beitrag von Taylan Engin

Als ich für eine Weile in Berlin war, vor ca. zwei Jahren, erschien gerade der Roman „The Circle“ – ein Bestseller, dessen einprägsames Cover, rotorange, auffälliges Logo, mir fortan überall begegnete: In der U-Bahn, auf Werbeplakaten und in Buchhandlungen. Ich zog wenig später nach Amsterdam um Digitale Medien zu studieren – das Thema in „The Circle“. Zugegeben: gelesen habe ich den Roman bis heute nicht. Jetzt steht er immerhin in meinem Regal.

The Circle wurde verfilmt und läuft jetzt in den deutschen Kinos. Wenigstens den Film wollte ich schauen. Ich ging also ins Cinema in Wuppertal, vier Tage vor den Bundestagswahlen, und schaute mir einen dystopischen Film an, der zwar „von einer nahen Zukunft erzählt“ (Wikipedia), dessen Thema jedoch im Wahlkampf keine Sekunde behandelt worden war.

Emma Watson spielt die Protagonistin Mae Holland. Mae tritt einen neuen Job im Kundendienst des Circle an, einem riesigen Social-Media Unternehmen mit über einer Milliarden Kunden, wo sie sich schnell hocharbeiten wird. Chef des Circle ist Bailey, gespielt von Tom Hanks. Er wird zu ihrem Ziehvater. Ihm geht es mit dem Circle um die Verwirklichung einer Gesellschaftsvision: um volle Transparenz. Das klingt zunächst wie ein ehrwürdiger Beitrag zur Demokratie, bedeutet aber eigentlich die Aufhebung von Privatsphäre, bedeutet Überwachung jedes Einzelnen, bedeutet grenzenlose Macht für sein Unternehmen. Denn der Circle weiß alles – und zwar über jeden seiner Nutzer. Kritiker räumt er einfach aus dem Weg, indem er Skandale um sie auslöst.

Es geht in diesem Film trotz Starbesetzung nicht um das Schicksal einzelner Charaktere. Sondern um eine neue Gesellschaft, auf die die heutige zusteuert. Es geht um ein Unternehmen mit dem Potenzial die Gesellschaft nachhaltig zu verändern und zu dominieren. Einfach ausgedrückt: Der Circle ist Google, Facebook, Apple und Amazon in einem. Fast jeder nutzt es, also wird fast jeder überwacht. Und während er diese Informationen sammelt, verkauft sich der Circle an die Öffentlichkeit als visionäres, humanistisches Unternehmen, das einen uralten Menschheitstraum zu erfüllen vermag, nämlich den vom vollendeten technologischen Fortschritt im Dienste der Menschheit. Für jedes Problem bietet er Lösungen: Vom automatischen Blutdruckmessen zum Bewerten sozialer Interaktionen.

Dass der Autor, Dave Eggers, den Namen „Circle“ wählt, suggeriert die zeitliche Nähe seiner Dystopie zur Gegenwart: Ein „Circle“, ein Kreis, ist auch die architektonische Form der neuen Firmenzentrale von Apple, einem der vier größten Unternehmen und Aushängeschilder der Digitalisierung. Außerdem ist das Firmengebäude von Apple aus Glas – ein Symbol für Transparenz. Damit bildet die Roman- und Filmgeschichte eine technik-fetischistische Ideologie ab (und treibt sie auf die Spitze), die im Grunde genommen längst existiert, aber in der Realität noch nicht dermaßen einflussreich ist. Zugleich ist der transparente Kreis eine Anlehnung an Foucaults Panopticon, einem Konzept wonach sich postmoderne Gesellschaften allegorisch darstellen lassen, durch die Architektur in Kreisform gebauter Gefängnisse mit einem Beobachtungsturm im Zentrum. Man stelle sich die Gesellschaft als durchsichtigen Kreis vor, den Circle als Turm in der Mitte, der alle Insassen eines Gefängnisses, beziehungsweise Nutzer des Circle, nach Belieben überwacht.

Gesellschaftskritisch sind in dem Film vor allem Tom Hanks Ted-Talks. Die Zuschauer sind begeistert von seinen immer neuen Ideen den Circle weiter auszudehnen und ins Leben der Menschen zu integrieren. Diese sensationsgierigen Veranstaltungen offenbaren, dass die zunehmende Überwachung der Gesellschaft ganz schleichend stattfindet, hinter der Fassade von menschendienlichem technologischen Fortschritt und legitimiert durch den Durst einer konsumsüchtigen Spektakelgesellschaft. Ein wenig erinnert diese schleichende Entwicklung an Adorno: „Ich habe keine Angst vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Faschisten, sondern vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten“.

Der Film thematisiert Big Data, Überwachung, den Verlust von Privatsphäre und die Macht von Algorithmen über den Menschen – das sind Gefahren, Herausforderungen, die im Bundestagswahlkampf nicht diskutiert worden sind! Zwar hat die Bundeskanzlerin in fast jeder Rede erwähnt, wie wichtig doch die Digitalisierung sei. Diese wurde jedoch – wenn überhaupt – nur als wirtschaftliche Herausforderung portraitiert. Auf den gesellschaftlichen Wandel durch die Digitalisierung, die Gefahr, dass langerkämpfte Bürgerrechte gefährdet werden könnten, ist kein Politiker eingegangen. Stattdessen haben allein emotionale, polarisierende Debatten wie die sogenannte Flüchtlingskrise den Wahlkampf beherrscht. Dabei beschreibt der Circle eben keine ferne, sondern eine sehr nahe Zukunft: Man erinnere sich an die Kontroverse zwischen der Europakommission und Apple, die entstand, weil Irland Steuern von dem Unternehmen in Höhe von 13 Milliarden Euro einfach nicht einfordern wollte. Als Parallele dazu fiel im Film ein Schlüsselsatz: „Der Circle ist von keinem Staat abhängig, aber alle Staaten vom Circle.“

Mit dem Genre technologie-versierter Dystopien tritt Eggers zweifellos in große Fußstapfen. Aber seine Geschichte ist keineswegs nur ein billiger Abklatsch von George Orwells „1984“, oder Aldous Huxleys „Brave New World“. Ganz im Gegenteil: Es ist wie ein Update jener berühmten Geschichten zu betrachten. Orwell schrieb 1984 beeinflusst von der zerstörerischen Kraft moderner Waffen- und Massenermordungstechnologien im zweiten Weltkrieg. Ohnehin waren die Erfahrungen im 20. Jahrhundert, einschließlich der Atomwaffenkrise, für den bis Dato eher technologie-euphorischen Westen sehr ernüchternd. Doch sowohl Orwells totalitäres 1984, vor allem aber Huxleys Brave New World, das schon 1932 erschienen über hochmoderne Geburtenmaschinen phantasiert, spielen eher weit in der Zukunft und weit in der Phantasie. Sie dienen damit als allgemeine aber abstrakte Kritik am technologischen Fortschritt. Das ist im Circle anders. Eggers braucht keine Science-Fiction-Technologien zu erfinden, um seinen Standpunkt deutlich zu machen. Die meisten Apps etc., die im Film vorkommen, gibt es schon. Eggers beschreibt nur, was wäre, wenn die Digitalisierung eine zugespitzte Entwicklung nehme: von einem einzigen Unternehmen dominiert, noch tiefer in unseren Alltag greifend, noch höher-, schneller-, weiterreichend – aber eben nicht weit von der Realität entfernt.

Man könnte diesen Film als Appell im Bundestagswahlkampf verstehen, dass hinter der emotional geführten Flüchtlingsdebatte und dem Aufkommen nationalkonservativer, vergangenheitsglorifizierender „Lösungsansätze“ noch ganz andere Herausforderungen auf uns warten. Um die zu erkennen, müssen wir in die Zukunft schauen. Oder ins Kino gehen.

By | 2017-09-29T20:03:34+00:00 September 29th, 2017|Featured Article, Gesellschaft | Kultur, Politik, Start, Taylan Engin|0 Comments

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