#Netzwende: Journalismus in den Dienst der Öffentlichkeit stellen

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#Netzwende: Journalismus in den Dienst der Öffentlichkeit stellen

Der Vertrauensverlust der Medien

Europa.blog: Du hast mit Kollegen von Vocer, einem Think Tank für Medieninnovation, zu einer Neztwende aufgerufen. Was ist das Problem, das ihr mit eurem Aufruf und eurer Initiative angehen wollt?

Frederik Fischer: Wir verfolgen seit rund zehn Jahren, wie sich der Journalismus durch die Digitalisierung verändert. Die längste Zeit überwogen für uns die Chancen klar die Risiken. In den letzten Jahren mischte sich jedoch unter die Euphorie auch vermehrte Ernüchterung. Viele inhaltlich anspruchsvolle Projekte konnten keine belastbaren Geschäftsmodelle finden. Diejenigen Medien-Startups hingegen, die von Verlagen und Privatinvestoren gefördert wurden, hatten nur selten etwas mit Journalismus zu tun. Hinzu kam die zunehmende Abhängigkeit von Plattformen. Brexit und Trump führten dann endgültig zu einem Umdenken. Journalismus, wie er momentan finanziert und vertrieben wird, ist nicht nachhaltig und erst recht nicht im Sinne der Bevölkerung. Zehn Jahre nach der Digitalisierung müssen wir aufhören, uns etwas vorzumachen. Es gibt für den Journalismus, den eine funktionierende Demokratie benötigt, kein belastbares Geschäftsmodell. Unter dem Schlagwort „Netzwende“ wollen wir Alternativen zum momentanen Modell diskutieren.

Europa.blog: Kürzlich hast du eure Initiative einen Gastbeitrag auf Spiegel Online veröffentlicht. Dein Beitrag beginnt mit dem Satz: „Ja, es ist eine Krise, wenn viele Menschen von ‚Lügenpresse‘ sprechen.“ In deinem Beitrag verstehst du diese Krise eher als eine Krise des Journalismus. Ist diese Krise aber nicht zu allererst Symptom einer Bildungskrise in dem Sinne, dass offenbar viele Menschen schlicht damit überfordert sind, bei der Fülle von Informationen, die das Internet bietet, die Informationen einordnen und bewerten zu können? Fehlt es nicht vor allem an einem methodischem Instrumentarium, um mit der Informationsfülle umgehen zu können? Jeder kann heute mit wenig materiellem Aufwand im Internet publizieren, was er möchte. In der Zeit vor dem Internet war das nicht so einfach möglich. Insofern befördert das Internet doch eine Demokratisierung der Gesellschaft. Das doch eine – zumindest im Grundsatz – begrüßenswerte Entwicklung. Wäre es daher nicht vor allem nötig, bildungspolitisch anzusetzen und Menschen zu befähigen, mit den neuen Möglichkeiten sachgerecht umzugehen?

Frederik Fischer: Für Bildung kann man meiner Meinung nach gar nicht genug Geld ausgeben. Ich glaube aber nicht, dass es damit getan sein wird. Was wir gerade erleben, ist der Angriff auf ein Glaubenssystem, ähnlich wie das die katholische Kirche während der Reformation erlebt hat. Nun möchte ich die Aufklärung nicht auf einer Stufe mit der Religion stellen, aber beides sind Weltsichten, die auf „Glauben“ basieren. Was meine ich damit? Sowohl wissenschaftliche als auch journalistische Arbeiten sind (anders als heilige Schriften) theoretisch überprüfbar. In der Praxis fehlt den allermeisten Menschen dafür aber Zeit, Lust und/oder das notwendige Geld. Diese Menschen müssen also auf Autoritäten vertrauen, die dafür garantieren, dass das schon alles seine Richtigkeit hat, was in den Zeitungen zu lesen ist und in den Universitäten unterrichtet wird. Dieses Vertrauen hat nun aber massiven Schaden genommen. Einerseits durch ganz normale menschliche Fehler, die es schon immer gab, andererseits durch die Instrumentalisierung dieser Fehler durch Populisten im Netz, die nicht nur tatsächlich Fehler verbreiten, sondern auch offen lügen, entkontextualisieren und Fakten verdrehen um genau diesen Effekt zu erzielen: Das Vertrauen in das bestehende (Glaubens)system zu untergraben. Diese Strategie ist leider ebenso perfide wie wirksam.

Europa.blog: Du hast den Begriff „Lügenpresse“ in deinem Gastbeitrag als Zitat aufgenommen. Ist es sinnvoll, sich überhaupt auf diesen Begriff zu beziehen – auch wenn du ihn nur zitierst? In diesem Begriff schwingt doch die Vorstellung mit, als gäbe es als Gegensatz zur „Lügenpresse“ eine „Wahrheitspresse“ – auch wenn das niemand so ausdrücklich formuliert. Dabei war es in der Zeit vor dem Internet ein Allgemeinplatz, dass Medien politisch nicht neutral sind und auch gar nicht neutral sein können, sondern immer aus der Perspektive bestimmter gesellschaftlicher Gruppen bzw. Interessen berichten. Vor diesem Hintergrund erscheint mir der Begriff „Lügenpresse“ schlicht sinnentleert. Verstärkt eine Bezugnahme aus diesen Begriff nicht eine Desorientierung und Verdummung, die die von euch kritisierten Entwicklungen noch verstärken? Wäre es nicht sinnvoller, wieder den Blick für die Interessengebundenheit und die Subjektivität zu schärfen, die prägend ist für jede Form der Berichterstattung? Auch das wäre eine bildungspolitische Aufgabe. 

Frederik Fischer: Der Begriff taucht nur einmal auf und zwar in diesem Satz: „Ja, es ist eine Krise, wenn viele Menschen von “Lügenpresse” sprechen.“ Unabhängig davon, was ich für den richtigen Begriff halte, ist es ein Fakt, dass viele Menschen Journalisten pauschal als Lügner aburteilen. Das ist für mich schon ein Bruch mit der Vergangenheit und der Diskussion, inwiefern Journalisten objektiv berichten (können). Es ist das eine, ob ich einem Journalisten, bzw. einer Journalistin fehlende Objektivität und Parteilichkeit vorwerfe und etwas ganz anderes, eine komplette Berufsgruppe unter den Generalverdacht der Lüge zu stellen.

Wende zu einem nachhaltigen Journalismus im Netz

Europa.blog: Nun aber zu eurem Aufruf zur Netzwende. Der wendet sich an die journalistische Seite. Eure erste Forderung ist ein nachhaltiger Journalismus. Was genau ist damit gemeint? Worin unterscheidet sich ein nachhaltiger von einem nicht nachhaltigen Journalismus?

Frederik Fischer: Nahhaltiger Journalismus verpflichtet sich zu einem Journalismus im Sinne der Bevölkerung. D.h. eine umfassende, unabhängige und leserorientierte Berichterstattung wiegt schwerer, als das Gewinnmotiv. Daraus leiten wir ab, dass sich nachhaltiger Journalismus von etablierten Geschäftsmodellen emanzipieren muss. Wir plädieren nicht dafür, die alten Geschäftsmodelle über den Haufen zu werfen, sondern diese durch neue Finanzierungsquellen zu ergänzen. Dies können öffentliche Mittel sein, oder Stiftungen.

D.h. wir suchen einerseits nach Medien-Startups, die sich mit ihrer Arbeit in erster Linie in den Dienst der Öffentlichkeit stellen (z.B. Correctiv, The Buzzard und ja, auch piqd). Andererseits wollen wir neue Formen der Finanzierung von unabhängigem Journalismus diskutieren. Denn alle Entwicklungen der letzten Jahre deuten in dieselbe Richtung: Von wenigen etablierten Marken wie Zeit, Süddeutsche und Spiegel abgesehen, gibt es kein Geschäftsmodell für seriösen Journalismus. Wir brauchen aber dringend Nachwuchs, denn sobald die seit Jahren wachsenden Werbebudgets wieder schrumpfen, könnten viele der Etablierten pleitegehen, bzw. zumindest gezwungen sein, die ohnehin schon ausgedünnten Redaktionen weiter einzudampfen.

Europa.blog: Ihr nehmt bewusst den zentralen Begriff der Umweltbewegung auf. Die Entstehung und Entwicklung der Umweltbewegung nehmt ihr als Modell für die Entwicklung eines nachhaltigen Journalismus. Das ist mir durchaus sympathisch und klingt auf den ersten Blick auch plausibel. Aber kann  man dieses Modell tatsächlich auf den Bereich des Journalismus übertragen? Die Umweltbewegung hat sich durchsetzen können, weil die von Atomkraftwerken ausgehende Gefahr nuklearer Verstrahlung eine konkrete, unmittelbare Bedrohung darstellt mit einer extrem langen Wirkungszeit. Der Bericht des Club of Rome hat in den 1970er Jahren sehr plastisch vor Augen geführt, was es bedeutet, wenn wir als Menschheit unsere natürliche Existenzgrundlage zerstören. Dieses vergleichsweise konkrete Bedrohungsszenarium hat wesentlich zur grundsätzlichen Akzeptanz einer auf Nachhaltigkeit angelegten Umweltpolitik beigetragen. Von einem nicht nachhaltigen Journalismus geht ja keine vergleichbare unmittelbare Gefährdung für Leib und Leben der Bürgerinnen und Bürger aus, mit der ihr für euren Ansatz argumentieren könntet. Wo seht ihr eine Argumentation, die eine vergleichbare Triebkraft entwicklen kann, wie die der Umweltbewegung, um einem nachhaltigen Journalismus eine breite Akzeptanz zu verschaffen?  

Frederik Fischer: Noch 2015 hätte ich dir zugestimmt und mich vor diesem Vergleich gehütet. Inzwischen sehe ich das anders. Ich führe das Brexit-Votum und vor allem Trump auf die Kernschmelze einer kritischen Öffentlichkeit im Netz zurück. Trotz aller Möglichkeiten, war es wohl nie schwerer und zeitraubender, sich mit zuverlässigen Informationen zu versorgen. Auch ich vertraue keiner Medienmarke mehr pauschal. Alle werbeabhängigen Verlage, sind auf Reichweitenoptimierung angewiesen und zahlen Honorare, die so lächerlich sind, dass man dafür nur Hobby-Journalismus erwarten kann.

Wie konkret die Bedrohung für Leib und Leben ist, kann man an Trump sehr gut ablesen. Das Säbelrasseln im Nordkorea-Konflikt und die desaströse Klimapolitik sind nur zwei Beispiele für eine unmittelbar gefährliche Politik.

Europa.blog: Gibt es gegenwärtig aus deiner Sicht schon benennbare Beispiele für die Entwicklung eines nachhaltigen Journalismus?

Frederik Fischer: Die gibt es, vor allem in der Schweiz, wo in den letzten Monaten gleich drei Ereignisse ein Umdenken markiert haben. Im April gelang dem Team des Online-Magazins „Die Republik“ ein aufsehenerregendes Crowdfunding, Knapp 14.000 Menschen war das unabhängige Medium 240 Franken im Jahr wert. Kurz darauf verkündete Hansi Voigt mit WePublish eine Vertriebsalternative zu den Plattformen aus den USA und letzte Woche hat sich der Verband „Medien mit Zukunft“ gegründet, der ausschließlich aus Kleinverlegern besteht. In Deutschland haben wir mit der August Schwingenstein Stiftung einen Dialog gestartet zwischen Medien-Startups, Öffentlich-Rechtlichen und Medienpolitikern. Mit Vocer treiben wir die Netzwende-Kampagne voran und verleihen dieses Jahr erstmalig den Netzwende-Award. Es sind kleine Schritte, aber die Richtung stimmt.

Europa.blog: Ein Problem ist die heutige Struktur des Internets. In den Anfängen war es sehr dezentral organisiert. Heute wird es aber von wenigen großen Konzernen wie Facebook, Google, Amazon, etc. dominiert. Die Denzentralität ist einer neuen Zentralisierung gewichen. Offenbar scheint aber die aktuell in den Fokus gerückte Blockchain-Technologie der Dezentralität des Internets einen neuen Vorschub leisten zu können. Welche Bedeutung könnte diese noch recht neue Technologie für die von euch eingeforderte Netzwende haben?

Frederik Fischer: Ich verfolge sehr interessiert, wie sich die Blockchain-Technologie weiterentwickelt und auf neue Bereiche ausbreitet. Das Energienetz beispielsweise könnte enorm von dieser Technologie profitieren. Sogenannte ICOs (Initial Coin Offering) stellen gerade die Finanzierung von Startups auf den Kopf. Insgesamt ist es aber noch zu früh, in dieser Entwicklung tatsächlich die Rettung zu erkennen. Auch die Blockchain-Technologie ist nicht immun gegen die Zentralisierungstendenzen, die wir im „alten“ Internet erleben. Und teilweise macht die Zentralisierung ja auch durchaus Sinn. Der Verbraucher möchte sich nicht mit fünfzig verschiedenen Bitcoin-Varianten herumschlagen. Bequemlichkeit schlägt Vielfalt. Ich sehe keinen Grund anzunehmen, dass sich dies unter den bestehenden Marktbedingungen nun anders verhalten soll.

“Der Markt allein wird es nicht richten”

Europa.blog: Eine eurer Thesen ist „Der Markt alleine wird es nicht richten“. Die von euch als Oligopol bezeichneten großen Internet-Unternehmen agieren international und haben allesamt ihren Sitz in den USA. Will man etwas etablieren, dass nicht allein den Regeln des Marktes unterworfen sein soll, weil es nur bedingt marktkonform ist wie eben ein nachhaltiger Journalismus, dann bedarf es politisch ausgehandelter und festgelegter Regeln dazu. Die regulatorische Ebene ist aber nationalstaatlich bzw. zum Teil europäisch über die EU organisiert. Die regulatorischen Möglichkeiten sind folglich relativ eng begrenzt. Welche Ideen habt ihr, wie man die nötigen regulatorischen Rahmenbedingungen durchsetzen kann, die einen nachhaltigen Journalismus unabhängig von den üblichen Markregeln ermöglichen? 

Frederik Fischer: Der Elefant im (deutschsprachigen) Raum ist natürlich der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Trotz aller Probleme, die die Anstalten über die Jahre angesammelt haben, haben wir hier doch äußerst üppig ausgestattete Strukturen, die laut Auftrag eben der Öffentlichkeit zu dienen haben und nicht Investoren. Es gibt wohl niemanden, der behauptet, dass der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk momentan seinem Auftrag optimal gerecht wird. Da sehe ich viel Verbesserungspotenzial

Ein Beispiel: Die Abhängigkeit von Facebook und Google gehören zu den größten Problemen der Branche. Kein privater Investor traut sich eine alternative Vertriebsplattform zu entwickeln. Warum? Weil es nahezu unendlich teuer ist, in einem dermaßen übersättigten Markt eine kritische Masse an Nutzern zu sammeln. Ohne diese kritische Masse, kann aber keine Plattform überleben.  Man stelle sich nun vor, die Öffentlich-Rechtlichen würden ihre gesamten Inhalte auf einer Plattform bündeln und kostenlos zur Verfügung stellen. Die kritische Masse ist nahezu garantiert. Im nächsten Schritt könnte man diese Infrastruktur dann Verlagen und Kulturinstitutionen anbieten und im übernächsten Schritt könnte man dieses öffentlich-rechtliche Netflix oder Facebook (beides sind letztendlich nur Vertriebsplattformen für Inhalte) dann internationalisieren. Es sind Utopien wie diese, die wir diskutieren sollten. Stattdessen verbarrikadieren sich alle Akteure in ihrer Ecke des Rings und verteidigen ihre Pfründe.

Aber auch auf EU-Ebene gibt es Hoffnung. Die Reform des Datenschutzrechts beispielsweise, schafft eine gesetzliche Grundlage für die längst überfällige Datenportabilität. D.h. ab Mai 2018 müssen Facebook, Twitter und Co. eine Schnittstelle schaffen, die es mir als Nutzer erlaubt meine Daten und damit mein soziales Netzwerk zur Konkurrenz mitzunehmen. Damit fällt ein enormer Wettbewerbsvorteil für Facebook und andere Plattformen. Schon heute nutzen viele Menschen Facebook nur noch, weil dort alle sind, nicht weil sie Facebook für ein unbedenkliches Produkt halten.

Europa.blog: Geld spielt eine zentrale Rolle. Einen qualitativ hochwertigen und Recherche basierten Journalismus kann man nicht nebenbei bzw. ehrenamtlich machen. Er ist nur möglich, wenn er die materielle Existenzgrundlage der Journalistinnen und Journalisten, die einen solchen Journalismus produzieren, in Form von angemessenen und auskömmlichen Einkommen sichert. Dass ein solcher Journalismus in Zeiten des Internets nur sehr bedingt marktkonform funktioniert und somit andere bzw. neue Formen der Finanzierung entwickelt werden müssen, ist ja ein wesentlicher Anlass für euren Aufruf gewesen. Welche konkreten neuen Finanzierungsmodelle, die den Journalisten und Journalistinnen ausreichende Unabhängigkeit garantieren, sind denn bisher erkennbar? Heute wir viel über Spenden bzw. Crowdfunding geredet als Finanzierungsmodell. Doch das ist ein eher prekärer Weg. Die Partei Die Linke hat vor einigen Jahren mal vorgeschlagen, Medien stärker gesellschaftlich zu finanzieren, was im Klartext auf eine Steuerfinanzierung hinausläuft, um den Einfluss der großen privatwirtschaftlichen Medienkonzerne zu begrenzen. Dem kann man zurecht entgegenhalten, dass dann neue politische Abhängigkeiten entstehen. Denn diese Finanzierung würde über politische Entscheidungsgremien gesteuert. Öffentlich-rechtlichen Rundfunk und öffentlich-rechtliches Fernsehen gibt es ja auch schon. Und die sind noch nie durch einen besondern ausgeprägten investigativen Journalismus aufgefallen. Auch in Belgien erhalten Medien beachtliche staatliche Zuschüsse, um in einem solch kleinen Land mit zudem drei Sprachen überhaupt überleben zu können – um den Preis, dass belgische Medien eher freundlich über Politik und Politikerinnen und Politiker berichten. Eine öffentliche Finanzierung von Medien und Journalist*innen gerät schnell in Konflikt mit deren Rolle als vierte Säule der Gewaltenteilung in einer demokratischen Gesellschaft. Wo seht ihr einen Ausweg aus diesem Dilemma?

Frederik Fischer: Auch wir haben keinen Vorschlag in der Schublade, der sämtliche Widersprüche auflöst. Von irgendeiner Geldquelle war und ist Journalismus immer abhängig. Bislang waren es überwiegend Werbekunden und Rundfunkgebühren. Crowdfunding ist nun als weitere Möglichkeit hinzugekommen. Aber auch die Abhängigkeit von Mitgliedern ist nicht unproblematisch. Die taz kann ganze Arien darüber singen, wie schwierig es ist, Geschichten zu drucken, bei denen die Blattmacher schon vorab wissen, dass sie damit ihre Abonnenten verprellen.

Unser Ziel ist nicht, die eine Lösung zu finden, sondern zu einem pluralen journalistischen Angebot  beizutragen. Neben dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk kann ich mir auch diverse staatliche Fördertöpfe vorstellen, die nicht automatisch zu einer Staatspresse führen. So wäre es beispielsweise möglich für Crowdfunding-Projekte, die sich bestimmten Qualitätskriterien verpflichten, einen Matching-Fonds aufzusetzen. Das funktioniert so. Wer es beispielsweise schafft, 10.000 zahlende Abonnenten zu überzeugen erhält für jeden so eingenommenen Euro, einen weiteren aus dem Fonds. „Die Republik“ in der Schweiz hat ein ähnliches Modell verfolgt. Im Vorfeld sicherten sich die Gründer von Privatinvestoren Finanzierungszusagen in Höhe von 3,5 Mio. Franken. Die Auszahlung war aber an die Bedingungen geknüpft, dass über das Crowdfunding mindestens 750.000 Franken eingenommen werden. Wie wir heute wissen, gelang dies den Gründern. Insgesamt verfügen sie nun über ein Startkapital von über 6 Millionen Franken. Auch bei Schweizer Lohnkosten, würde ich das nicht mehr prekär nennen.

Eine weitere Teillösung könnte eine Anpassung der Mehrwertsteuer sein. Es ist nicht mehr nachvolziehbar, warum gedruckte Zeitungen mit 7 Prozent versteuert werden, dieselben Texte online aber mit 19 Prozent versteuert werden. Gerade beim Crowdfunding ist es besonders bitter, wenn 19 Prozent der Unterstützungsbeiträge direkt abgeführt werden müssen.

Europa.blog: Vielen Dank für das Gespräch.

By | 2017-08-15T14:46:56+00:00 August 15th, 2017|Interviews, Medien, Politik, Start, Wirtschaft | Soziales|1 Comment

One Comment

  1. Marie Heidenreich 31/08/2017 at 15:35 - Reply

    Ich finde die Idee eines öffentlich-rechtlichen Netflix toll.
    Ich hatte aber schon mal überlegt, ob es nicht doch eine marktfähige Lösung für Zeitungsverlage geben könnte: Und zwar ein Netflix für Zeitungen. Natürlich käme es auch dabei auf die von euch als etablierte Marken angesprochenen Zeitungen Süddeutsche, Zeit, Spiegel etc. an. Zu kleineren Teilen wären aber auch die Financial Times Deutschland oder die Münstersche Zeitung an meinem monatlichen Abo beteiligt.
    Auf den ersten Blick fragt man sich vielleicht, welches Interesse Zeit, SZ und SPON haben sollten, die anderen mitzuschleifen. Da aber auch diese Zeitungen noch keine wirklich funktionierende Online-Bezahlschranke erfunden haben, würden alle von dem Zusammenschluss profitieren. Lieber teile ich mir 20 Euro im Monat für alle Zeitungen wie bei Netflix mit vier Freunden, als dass ich ganz alleine 4,80 Euro pro Woche nur für die Zeit zahle. Der Gewinn für die Zeitungen käme dann über die Masse. Ganz nebenbei wäre die Abdeckung viel größerer Teile der Bevölkerung mit Qualitätspresse erreicht.
    Übrigens ein tolles Interview, danke!

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