„Das gibt es nur bei uns in Gelsenkirchen“ – Teil II

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„Das gibt es nur bei uns in Gelsenkirchen“ – Teil II

Die Künstlergruppe “B 1”

Frage: Kommen wir nun zu konkreten Kulturprojekten im Ruhrgebiet. 1969 gründete Helmut Bettenhausen mit anderen Künstlern aus der Region die Künstlergruppe “B 1” – benannt nach der Bundesstraße Nr. 1, die mitten durch das Ruhrgebiet führt und heute zur Autobahn A 40 ausgebaut ist. Welche Bedeutung misst du dieser beinahe vergessenen Künstlergruppe und ihrem Wirken und ihren Werken zu?

Peter Rose: Um die Bedeutung von „B 1“ für Kunst und Kultur im Ruhrgebiet zu erkennen, muss man zunächst an das Jahr 1946 erinnern, als ein Jahr nach Kriegsende Hamburger Schauspieler und Recklinghäuser Bergleute „Kunst für Kohle“ tauschten und damit die Ruhrfestspiele schufen und nur zwei Jahre später Thomas Grochowiak – ebenfalls in Recklinghausen – die Künstlergruppe „Junger Westen“ gründete, die sich erst 1962 auflöste.

Es ist schon interessant, nachzuvollziehen, wie diese Künstler, alle vor dem 1. Weltkrieg geboren, den künstlerischen Anschluss an die im „Jahrdutzend des 1000jährigen Reiches“ der Nazizeit verloren gegangene „Moderne“ wiederherstellten.

Dieses Nachholbedürfnis, die Kultur- und Kunstlücke zu schließen, war in allen Städten des Reviers erkennbar. Gelsenkirchen eröffnete 1959 sein neues Theater, das der Architekt Werner Ruhnau geplant und mit internationalen Künstlern gestaltet hat. Mit dieser Offenheit für Kunst und Kultur hatten die Revierstädte beim Wiederaufbau eine neue und vor allem junge „Künstlergeneration“ hervorgebracht.

Daraus entstand 1968 die von Helmut Bettenhausen initiierte zehnköpfige Künstlergruppe „B 1“. Der Name war Programm. Das „Revier als Raum“ und ganz konkret die „B 1“ wurde zum Gegenstand der künstlerischen Arbeit erklärt, der sich jeder mit einer bestimmten Idee bzw. Problematik zuwenden und mit seinen künstlerischen Mitteln „aufklärend gestalten und darstellen“ konnte.

Allerdings entstand „B 1“ in einer Zeit, als im Ruhrgebiet begonnen hatte, was heute immer noch als „Strukturwandel“ bezeichnet wird. Die B 1-Künstler nahmen ihn jedenfalls schon sehr früh wahr und brachten mit ihren künstlerischen Arbeiten, Objekten und Installationen, etwas zustande, was man „Utopie“ nennen könnte: kritisch, anregend, aber nicht konkret umgesetzt, weil es für die „B 1“ als (Stadt)Autobahn mitten durchs Revier immer noch keine praktikable Lösung zu geben scheint.

Dennoch ist die Kern-Idee der „B 1“, mit den Mitteln der Kunst Räume kritisch zu markieren und Probleme künstlerisch sichtbar zu machen und im kritischen Dialog Lösungen dafür zu finden, bis heute lebendig und aktuell geblieben. Dafür haben Ausstellungen und Symposien wie „das revier: motiv und motivation“ und „Grenzüberschreitung R“ sowie in den letzten Jahren mehrere Projekte zum „Gahlenschen Kohlenweg“ gesorgt, die in Kooperation von Kunstvereinen und in der „B 1“-Künstlerzeche Unser Fritz in Herne-Wanne entstanden sind.

IBA / Emscherpark

Frage: 20 Jahre nach der Gründung der Künstlergruppe „B 1“, im Jahr 1989, startete die Internationale Bauausstellung / Emscherpark (IBA). Dieses Projekt, dass ein ganzes Jahrzehnt lief, hat den Kulturbegriff mit neuen Inhalten zu füllen versucht: Industriekultur. Was in mittelalterlichen Städten Kathedralen und Schlösser sind, so wird Karl Ganser, der Chef der IBA, gerne zitiert, das seien im Ruhrgebiet die Fabrikschlote, die Fördertürme, die Hochöfen und die Fabrikhallen. Kannst du dem zustimmen? Und wie wertest du aus heutiger Sicht die Phase der IBA?

Peter Rose: Die IBA war in vielerlei Hinsicht eines der wichtigsten Projekte für den Strukturwandel im Ruhrgebiet, weil ihr die Aufgabe zufiel, die unbrauchbar gewordene Industrielandschaft abzubauen und durch eine neue attraktive Landschaft zu ersetzen und dabei sogar auch die Kunst einzubeziehen – was zunächst nicht vorgesehen war, aber von Karl Ganser, als es ihm vorgeschlagen wurde, beispielhaft geschehen ist.

Die Landmarken wie auch die gestalteten Halden als „Nordalpen im Emscherland“ vermitteln mir immer wieder den Eindruck, was möglich ist, wenn eine Planung in der Umsetzung pragmatisch verfolgt wird und offen ist für kritisch-konstruktive Änderungsvorschläge.

Die IBA-Emscherpark halte ich für ein gelungenes Projekt. Sie hat beispielhafte städtebauliche Modelle und vor allem eine neue attraktive Landschaft geschaffen, die hoffentlich nach dem Emscherumbau dem IBA-Vorbild folgend weiterentwickelt wird. Und was die Landmarkenkunst anlangt, so ist Karl Ganser in einer Diskussion dem Vorschlag gefolgt, Wettbewerbe auszuschreiben, so dass auch Revierkünstler erfolgreich ihre Chance nutzen konnten und sich nicht ausgeschlossen fühlen mussten.

Was Gansers Vergleich der Städtebilder des Mittelalters mit Industriestädten anlangt, so mag der vielleicht ein bisschen hinken, aber im Kern dürfte er schon zutreffen. Eine bürgerlich-mittelalterlich gewachsene Stadt wirkt auf mich schlichtweg beschaulicher als eine Stadt, die im Zuge einer brutalen industriellen Expansion entstanden ist. Wenn ich Zollern II mit Zollverein vergleiche, fühle ich mich auf dem Gelände der alten Zeche Zollern II in Dortmund-Bövinghausen irgendwie wohler als auf dem modernen Riesenkomplex zwischen Zeche und Kokerei auf Zollverein in Essen-Katernberg. Das ändert aber nichts daran, dass hinter den Mauern (wenn man mal von der Büroarbeit absieht) und unter Tage die Maloche gleich hart gewesen ist.

Europäische Kulturhauptstadt 2010

Frage: Gut 10 Jahre nach dem Abschluss der IBA, im Jahr 2010, wurde Essen mit dem Ruhrgebiet Kulturhauptstadt Europas. Im Vorfeld gab es Planungen auf der Ebene des Regionalverbandes Ruhr (RVR), das Ruhrgebiet zur Metropole Ruhr zu machen. Der Begriff existiert ja noch immer. Geworden ist daraus allerdings nichts Greifbares. Vielmehr hat sich im Zuge der Vorbereitung der Kulturhauptstadt 2010 der Kulturbegriff noch einmal inhaltlich verschoben: Unter Kultur wurde nun Kreativwirtschaft verstanden – jedenfalls bei den Machern der Kulturhauptstadt. Mit dem Kulturverständnis der Künstlergruppe B 1 hat ein solches Kulturverständnis nicht mehr viel zu tun. Ein Irrweg oder eine Chance für eine alte Industrie-Region im strukturellen Wandel, auf der Suche nach einer neuen Identität und neuen Arbeitsplätzen? Kann Kultur(Politik) überhaupt eine solche Rolle im Strukturwandel einnehmen, wie sie ihr im Rahmen der Kulturhauptstadt 2010 zugedacht wurde bzw. welche Rolle könnte oder sollte aus deiner Sicht Kultur(Politik) im Strukturwandel einnehmen?

Peter Rose: Es war ja keine schlechte Idee, mit „Ruhr 2010“ zu versuchen, die Vielfalt der Kulturen im Ruhrgebiet über das ganze Jahr 2010 hinweg zu präsentieren und den 53 Städten zu ermöglichen, sich über ihre jeweilige Stadtkultur Gedanken zu machen und vielleicht auch die eigenen Bürgerinnen und Bürger zu ermuntern, auch das eine oder andere Projekt selbst zustande zu bringen oder Veranstaltungen in einer anderen Revierstadt zu besuchen.

RUHR 2010 hat das Ruhrgebiet eben nicht als eine Kultur-Metropole dargestellt, sondern war konzipiert als ein kreativwirtschaftliches Marketingprojekt mit Eventcharakter . Es wurde ein großes Volksfest oder eine Kirmes für die Metropolregion Ruhrgebiet mit ihren verschiedenen kommunalen Kulturen „zwischen Highlight und Killefitt“.

Ja, es wurden auch Elemente der Kunst verwendet, wie etwa die Ballon-Aktion zur Erinnerung an frühere Zechenstandorte, die ich schon bemerkenswert fand. Ebenso auch die Riesenfete auf der B 1, die mir die Kunst-Utopie B 1 wieder in Erinnerung rief. Aber die lokalen Kulturen wurden durch RUHR 2010 nicht aktiviert oder verändert.

Ich glaube, RUHR 2010 war als Test angelegt, um herauszufinden, wo und wie sich mit Kultur weitere und bessere, also lukrative Geschäftsmodelle entwickeln lassen. Dieser Prozess einer ökonomischen Vereinnahmung von wesentlichen gesellschaftlichen Komplexen wie Kultur, Kunst, Bildung und Sport hatte sich mit der „geistig moralischen Wende“ in den 1980er Jahren bereits angedeutet, als sich eine schleichende Entstaatlichung hoheitlicher Aufgaben entwickelte, die dann seit dem Ende des kalten Krieges mit der Globalisierung kontinuierlich weiter verstärkt wurde.

Der vom wirtschaftlichen Interesse bestimmte private Zugriff auf ursprünglich öffentliche Angelegenheiten ist inzwischen zur Regel geworden. Das verändert auch die Kultur, wie ich sie verstehe, als die Substanz der Politik, die daraus entsteht, wie Menschen aus verschiedenen Sozialitäten zusammenleben, sich untereinander verhalten und verständigen, sei es im Kleinen in der Familie und in der Nachbarschaft oder im Großen in der Kommune und in der Nation und schließlich im Ganzen unserer immer kleiner und enger werdenden Welt.

Der Strukturwandel von der Industrialisierung zur Digitalisierung ist in vollem Gange. Dabei handelt es nicht um einen Spaziergang. Die Arbeit wird nicht verschwinden, sie wird jedoch anders sein und damit auch neue Identitäten schaffen.

Der Roboter wird kommen und uns im besten Falle von schwerer und dreckiger Arbeit befreien. Aber er kann auch zu einem mörderischen kriegerischen Machtinstrument werden. Darüber muss eine demokratische Gesellschaft sich Klarheit verschaffen. Die freie Kunst und das freie Wort halte ich deshalb für unverzichtbar, um selbst zur Besinnung zu kommen und besonnen zu bleiben. Aber ebenso brauchen wir die freie Wissenschaft und die freien Medien, die uns helfen, zu verstehen, was in der Welt und mit uns geschieht. Dazu bedarf es der zivilgesellschaftlichen Selbstorganisation, um Probleme vor Ort anzupacken und gemeinsam mit den Kommunen zu lösen.

Das OffArtParlament: Konflikte um Drinnen und Draußen

Frage: Im Rahmen der Kulturhauptstadt 2010 ist noch ein anderer Konflikt zutage getreten, der oben schon angeklungen ist und auch heute noch eine Rolle spielt: Das Verhältnis von regionalen Kulturschaffenden und externen Künstlern. Erst nach massiven Interventionen – etwa mit der OffArtCharta des OffArtParlaments, das 2005 ins Leben gerufen wurde und in dem sich viele regionale Kulturschaffende zusammengefunden haben – wurde regionalen Kulturschaffenden eine Rolle in der Kulturhauptstadt zugestanden.

Heute findet dieser Konflikt eine Fortsetzung mit der Emscherkunst. Seit 2013 finden entlang der Emscher Kunstausstellungen und Kunstaktionen statt. Allerdings sind dazu nur Künstler von außerhalb der Region eingeladen – obgleich regionale Künstler im Umfeld von Hans van Ooyen bereits von 2004 bis 2007 Emscherkunsttage durchführten und erstmals Kunst an die Emscher, dem regionalen Abwasserkanal, brachten.

Statt regionale Kulturschaffende und Künstler von außerhalb der Region in einen Dialog zu bringen über die Region, wird Kunst als Konsumgut in die Region gebracht.

Dabei tut sich Spannendes in der Region. Schon vor über zehn Jahren sprachen Hans van Ooyen und Reiner Kaufmann – beide Initiatoren des OffArtParlaments und letzterer Betreiber des Ateliers Das Gelbe Haus in Recklinghausen-Süd – über die Resozialisierung der Kunst. Sie fragten damit nach der gesellschaftlichen Rolle von Kunst und Kultur. Seit geraumer Zeit hat Reiner Kaufmann diese Debatte mit dem Stichwort Kunstwirken erneut aufgenommen.

Bei den Entscheidungsträgern in der Region finden diese Überlegungen bisher allerdings keine nennenswerte Resonanz.

Vor diesem Hintergrund nun die Frage: Welche Bedeutung hat für dich das OffArtParlament? Was verbindest du damit? Was hat es bewirkt?

Peter Rose: Der geschilderte Konflikt schwelte bereits bei RUHR 2010, wurde aber nicht offen ausgetragen. Vielmehr verstärkte er sich noch dadurch, dass die Kommunen im Revier durch ihre miserable Haushaltlage nicht mehr in der Lage sind, mit ihren eigenen öffentlichen Mitteln ihre lokale Kulturarbeit zu finanzieren. Also lauern sie auf ähnliche überlokale Landesprojekte á la Kulturhauptstadt und hoffen quasi lokal an einem Landesprojekt als Veranstaltungsort mit einer kulturellen Veranstaltung beteiligt zu werden. Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn damit auch das kommunale Kultur- oder Kunstpotenzial aktiviert würde. Faktisch wird so die „Kultur vor Ort“ aber fremdbestimmt, so dass von einer selbst- bzw. mitbestimmten am Gemeinwesen orientierten Kulturarbeit kaum noch die Rede sein kann.

Dass sich dennoch kulturell Spannendes entwickeln und wirksam werden kann, habe ich selbst miterleben dürfen, seit ich vor etwa 12 Jahren Reiner Kaufmann kennengelernt habe und ihn in Recklinghausen Süd in seinem „Atelier – Das Gelbe Haus“ besuchte, weil er zusammen mit dem Schriftsteller und Fotografen Hans van Ooyen ein kulturelles Modellprojekt zum „Emscherumbau“ entwickelte, das den „Meideraum“ entlang der Emscher im nördlichen Ruhrgebiet in einen attraktiven „Zukunftsraum“ transformieren sollte. Dabei hörte ich zum erstenmal den Begriff „Kunstwirken“. In seinem Kunstwirken hat sich Reiner Kaufmann mit seinem Team, dem „OffArtParlament“, nicht beirren lassen, sondern verfolgt beharrlich „selbstermächtigt“ das Ziel für die freie Kunst zu wirken.

Kunstwirken

Frage: Reiner Kaufmann vom Atelier Das Gelbe Haus hat, wie oben schon gesagt, den Begriff Kunstwirken in die aktuelle Debatte eingebracht. Was ist aus deiner Sicht mit diesem Begriff gemeint? Was soll, was kann Kunstwirken bewirken?

Peter Rose: Für mich ist Kunst ein gesellschaftliches Politikum, das nur dann wirksam sein kann, wenn sie als „Substanz der Kultur“ öffentlich zugänglich ist. Nur so kann sie kulturelle Identität stiften, und zwar für die Individualität des einzelnen als auch für die vielfältigen Sozialitäten. Deshalb halte ich den „erweiterten Kunstbegriff“  von Joseph Beuys für besonders interessant, der die „Kreativität als Volksvermögen“ betrachtet und „Kunst auf die Arbeit schlechthin“ anwendet sowie von der „sozialen Plastik“, an deren Gestaltung jeder Mensch mitwirke und deshalb „jeder Mensch ein Künstler“ sei. Diesen erweiterten, das Soziale und den Gemeinsinn einbeziehenden Kunstbegriff, habe ich in den Aktivitäten des Gelben Hauses stets irgendwie gespürt und wahrnehmen können. Die stets offenen Diskussionen über Ziele und Vorschläge wirkten auf mich immer prozesshaft weiterführend, weil Rechthaberei oder Machtgehabe keine Lösungen erzwingen wollten, sondern im Pro und Kontra der Diskussion gemeinsame Lösungen gefunden wurden, zu denen jeder, der dabei war, im Sinne der sozialen Plastik dazu konstruktiv etwas beigetragen hatte. Denn die Kunst wird über die Sinne wahrgenommen und vom Verstand reflektiert und verarbeitet. Es ist für mich immer ein reproduktiver Prozess, der mich bereichert und die Kunst als soziale Plastik weiterleben lässt.

Frage: Was empfiehlst du den heutigen Kulturpolitikern und den regionalen Kulturschaffenden, um die oben skizzierte Situation zu verändern.

Peter Rose: Ich kann mir nur wünschen, dass sich die gewählten Abgeordneten in kommunalen Räten und im Landtag zusammen mit ihren Parteien „vor Ort“ um die zivilgesellschaftlichen Aktivitäten der „freien Kultur- und Kunst-Szene“ kümmern.

Den „freien Szenen“ kann ich nur empfehlen, sich an die Abgeordneten zu wenden, um sie über finanzielle Förderung oder organisatorische Unterstützung zu Rate zu ziehen. Ebenso sollten im gesellschaftlichen Bereich wie Stadtteile und Nachbarschaften, Kontakte geknüpft werden, um Mitstreiter in der Sache zu finden und ein Netzwerk für die Planung und Umsetzung von lokalen und regionalen Projekten zu gewinnen. Vor allem aber sollte es für die Finanzierung und ihre Abwicklung klare Zuständigkeiten geben. Am besten wäre es, damit die kommunale Verwaltung zu beauftragen. Eine Vermeidung längerer Dienstwege über mehrere Instanzen würde der Sache zugutekommen.

Kulturfördergesetzt NRW – Chance oder Entmündigung der Kommunen?

Frage: Zum Ende dieses Interviews möchte ich noch einmal zu seinem Ausgangspunkt zurückkehren. Du hast oben sehr zugunsten einer kommunal verankerten und verantworteten Kulturpolitik argumentiert. Kürzlich hat das Land NRW ein Kulturfördergesetz verabschiedet. Wie beurteilst du diesen Ansatz der Landesregierung? Dabei ist ja auch zu berücksichtigen, dass die Landesregierung zumindest teilweise die Vergabe von Fördermitteln mittlerweile an das ECCE von Dieter Gorny ausgelagert hat – was nichts anderes als eine Privatisierung der Kulturförderung darstellt, die nicht zuletzt ein privatwirtschaftliches Profitinteresse bedient.

Peter Rose: Ja, Kultur findet statt in der Stadt. Das heißt im Alltag und vor Ort. Sie findet ihren substanziellen Ausdruck in der Kunst. Aber das Wie und das WAS der Kunst lässt sich in einer Demokratie nicht durch Gesetze regeln, sondern bestenfalls sachgerecht gestalten und organisieren. Deshalb bin ich immer skeptisch, wenn „von oben“ herab etwas geregelt wird, was eigentlich frei sein sollte, damit es „unten“ umgesetzt werden kann.

Die Hierarchisierung der staatlichen Ebenen Bund, Länder und Gemeinden wird der Finanzierung von Kunst und Kultur nicht mehr gerecht. Sie ist seit Jahren schon bei den Kommunen rückläufig. Dafür nehmen Privatfinanzierungen von Kunst-Events und Kultur-Festivals durch Stiftungen und Großunternehmungen beträchtlich zu. Was dem Sport recht ist, muss der Kultur nicht billig sein. Also ist Marketing gefragt, so dass sich die Frage stellt, worum es in der Kulturpolitik eigentlich geht: um die wahre Kunst oder um die Ware Kunst? Es spricht inzwischen einiges dafür, dass auch staatliche Aufgaben auf zivilgesellschaftliche Institutionen verlagert werden. Vielleicht ist ECCE für Nordrhein-Westfalen der Einstieg in die Privatisierung und damit für die Vermarktung von Kunst und Kultur.

Georg Kreisler: Gelsenkirchen Lyrics

Frage: Der Titel des Interviews ist einem Lied des Wiener Kabarettisten und Liedermachers Georg Kreisler entnommen, das er 1961 kreiert hat, dem Gelsenkirchenlied. Es ist ein bissiges Lied über Gelsenkirchen, die Kultur des Ruhrgebiets und über die „Brennstoffdemokratie“. Auch das ist Kultur, Kunst – und dazu hoch politisch. Deshalb noch eine letzte Frage: Was sagst du zu diesem auf seine Weise einzigartigen Lied über die Stadt, in der du 25 Jahre Kulturdezernent warst?

Peter Rose: Als der Norddeutschen Rundfunk dieses Chanson mit dem Titel „Gelsenkirchen Lyrics“ 1961 gesendet hatte, fiel es sofort bei der Gelsenkirchener Stadtspitze in Ungnade und aus der Bevölkerung hagelte es Proteste. Verständlich, denn die hatte es geschafft, in den 15 Jahren seit Kriegsende die Stadt mit ihren Einwohnern wieder aufzubauen und durch Arbeit den Wohlstand zu verbessern. Wahrscheinlich war Kreislers „Das gibt es nur bei uns in Gelsenkirchen“ auch deshalb zum Aufreger geworden, weil im gleichen Jahr Willy Brandt als Bundeskanzlerkandidat im Bundestagswahlkampf 1961 versprochen hatte: „Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden!“, was ja nun schon seit längerem Realität ist. Übrigens gab es auch Silvester 1961 die erste Radiosendung mit Jürgen von Manger als Adolf Tegtmeier in „Ruhrdeutsch“ mit einem unerwartet großen Erfolg im NDR. Warum nicht im WDR? Wollte man dies den „Ruhris“ nicht zumuten? Als etwas später auch Friedel Hensch und die Cyprys ihren Song mit dem schnulzigen Refrain „Nichts ist so schön wie der Mond von Wanne-Eickel, die ganze Luft ist erfüllt von ewigem Mai und jede Nacht am Kanal von Wanne-Eickel ist voller Duft wie die Nächte von Hawaii“ kreierten, wollte die Begeisterung kein Ende nehmen. Die Mentalität der Menschen im Ruhrgebiet, die über Generationen von harter Arbeit und weichen Gefühlen geprägt zu sein scheint, lässt ganz offensichtlich ihre Stimmungen immer wieder plötzlich wechseln zwischen „Himmelhochjauchzend“ und „Zutodebetrübt“. Dafür ist der FC. Schalke 04 nach wie vor beispielhaft.

Als ich Ende 1975 nach Gelsenkirchen kam, hatten seit 1961 das Ruhrgebiet schon 120.000 und Gelsenkirchen sogar 60.000 Einwohner verloren. Das hatte zwar mit Kreisler gar nichts, aber mit Zechenschließungen und dem Wegfall von Arbeitsplätzen sehr viel, wenn nicht alles zu tun. Dennoch blieb und bleibt Georg Kreislers Gelsenkirchen-Chanson unterschwellig weiterhin spürbar. Denn immer wenn das Image des Ruhrgebiets oder „dat Immitsch vom Kohlenpott“ durch einen neuen Slogan aufpoliert werden soll, geraten die Gemüter in Wallung. Nun soll es „Metropole Ruhr – Stadt der Städte“ heißen. Was aber ist oder sollte der Kern des Images vom Ruhrgebiet sein? Sollte es vielleicht der Versuch sein, den Ruf von einem inneren Gesamt- und Stimmungsbild des Gemeinwesens Ruhrgebiet zu bezeichnen, dann ist eine Kunst gefordert, wie sie Georg Kreisler mit „Gelsenkirchen Lyrics“ als seinen subjektiven Gesamteindruck von dieser im Jahre 1961 literarisch und musikalisch umgesetzt und mir nachvollziehbar vermittelt hat. Er brachte eine reale Problematik, wie er sie als Kabarettist wahrgenommen und mit seinen künstlerischen Mitteln Sprache, Musik und in seiner satirischen „Wiener Art“ (Wenn ich lache, bin ich böse!) spielerisch auf der Bühne präsentiert hatte, genau auf den Punkt: Hier hat die Kunst als die Substanz der Kultur ein Gemeinwesen erschlossen und in eine die Sinne und den Verstand anregende Form gebracht. Das nenne ich KUNSTWIRKEN.

 

Georg Kreisler: Das Gelsenkirchenlied

 

 

Friedel Hensch und die Capris: Der Mond von Wanne-Eickel

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About the Author:

Jahrgang 1953, geboren in Bünde/Westfalen. Nach dem Studium der evangelischen Theologie in Bielefeld und Marburg/Lahn ab 1989 Leiter des Industrie- und Sozialpfarramtes des Kirchenkreises Herne. Von 2007 bis 2009 Referent für Sozialethik an der Evangelischen Stadtakademie Bochum. Von 2009 bis 20014 Mitglied des Europäischen Parlaments (Die Linke). Seit 2014 freiberuflich tätig. Publizist. Diverse Buch-, Zeitungs- und Zeitschriften-Publikationen.

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