2018 – 1918 – 1618: Jahre großer Umbrüche

2018 – 1918 – 1618: Jahre großer Umbrüche

Dreißigjähriger Krieg

Wirtschaftsgeschichte: Wie der Dreißigjährige Krieg die deutsche Wirtschaft bis heute prägt. Von Nikolaus Piper | Süddeutsche Zeitung vom 29.12.2017

Der Dreißigjährige Krieg und seine Lehren: Historisches Vorbild für den Nahost-Konflikt? Eine Sendung von Ingeborg Breuer und Barbara Weber | Deutschlandfunk vom 28.12.2017

Umbrüche 2018

Energievermarktung per Blockchain: Strom vom Windrad nebenan. Von Hannes Koch | taz vom 03.01.2018

China: Fingerspitzengefühl für Afrika. Chinesische Unternehmer erproben zwischen dem Senegal und Äthiopien eine andere Form der Globalisierung. Von Angela Köckritz Die Zeit vom 03.01.2018

Abfallwirtschaft: China hat genug von Europas Müll. Die Volksrepublik stoppt den Import von Plastikabfall. Von Michael Bauchmüller, Berlin, und Christoph Giesen, Peking | Süddeutsche Zeitung vom 03.01.2018

Produktionsverbot für 553 Automodelle: “Chinas Regierung gibt einen Warnschuss ab.“ Ein Interview mit dem China-Experten Jochen Siebert von Margret Hucko | Der Spiegel vom 02.01.2018

Elektroautos: “Die Marktmacht verschiebt sich.“ Gehen den Autoherstellern die Rohstoffe für Batterien aus?  Interview mit Christian Hochfeld, dem Chef des Thinktanks Agora Verkehrswende, von Alexandra Endres | Die Zeit vom 28.12.2017

Beitrag von Jürgen Klute

2018 ist nicht nur ein Erinnerungsjahr an zwei große gesellschaftliche Umbrüche in Europa. 2018 selbst könnte auch ein spannendes, einschneidendes Jahr werden. Gleich zum Start des neuen Jahres gab es Neuerungen, deren Wirkungen kaum zu überschätzen sind.

Doch schauen wir zunächst zurück.

Vor hundert Jahren begann das letzte Kriegsjahr des ersten Weltkrieges, der offizielle am 11. November 1918 endete. Der Stellungskrieg war brutal und verlustreich. Die Industrialisierung des Krieges in From von Maschinengewehren, Giftgas, Panzern und der neuen Luftwaffe haben dem Krieg bis dahin unbekannte Dimensionen verpasst und eine bis dahin wohl kaum in einem Krieg gezählte Zahl von Opfern produziert.

Das ist die eine Seite des 1. Weltkriegs.

Die zweite Seite stellen die politischen Veränderungen in Folge des Krieges dar. Die Monarchie in Deutschland fand ihr verdientes Ende. Das eins mächtige und riesige Reich der Habsburger, die KuK-Monarchie, zerfiel. Ebenso das russische Zarenreich, auf dessen Trümmer die Sowjetunion entstand. Und auch das Weltreich der Osmanen lag am Ende des 1. Weltkriegs in Trümmern – mit Folgen, die bis heute die politische Agenda im Mittleren Osten bestimmen. Das britische Imperium bekam erste Risse. Und die USA betraten mit dem Eintritt in den Ersten Weltkrieg eine neue weltpolitische Bühne.

In Deutschland wird diesem Ereignis kaum Bedeutung zugemessen. Ganz anders als etwa in Belgien (vgl. den nebenstehenden Kasten).

2018 jährt sich aber auch zum 400. Male der Beginn des Dreißigjährigen Krieges, der Deutschland zu einem europäischen Terror-Hotspot machte, der mit der heutigen Lage im Mittleren Osten vergleichbar ist. Schon der 1. Weltkrieg ist fast aus dem Kollektiven Gedächtnis in Deutschland verschwunden. Das gilt noch mehr für den 300 Jahre weiter zurückliegenden Dreißigjährigen Krieg.

Gleichwohl, so Nikolaus Piper in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 29.12.2017  unter dem Titel „Wirtschaftsgeschichte: Wie der Dreißigjährige Krieg die deutsche Wirtschaft bis heute prägt“ (vgl. nebenstehenden Kasten), sind bei genauem Hinschauen wirtschaftliche und politische Spuren dieser frühen europäischen Katastrophe bis heute zu identifizieren.

Dieser lang zurückliegende Krieg hat noch in anderer Hinsicht Gegenwartsbedeutung. Der Krieg endet 1648 mit dem Westfälischen Frieden von Münster und Osnabrück. Es war ein historisches Novum, dass ein Krieg mit einem (über Jahre) ausgehandelten Frieden beendet wurde, wie Ingeborg Breuer und Barbara Weber in ihrem Beitrag „Der Dreißigjährige Krieg und seine Lehren: Historisches Vorbild für den Nahost-Konflikt?“, der am 28.12.2017 vom Deutschlandfunk gesendet wurde, hervorheben. Das heutige Konzept souveräner Staaten mit einem staatlichen Machmonopol ist das wohl bedeutendste und langfristigste Ergebnis des Westfälischen Friedens.

Breuer und Weber arbeiten in ihrem Beitrag aber noch weitere Gegenwartsbezüge des Dreißigjährigen Krieges heraus: In seinem Verlauf und seinen Dynamiken war der Dreißigjährige Krieg der heutigen Konfliktkonstellation im Mittleren Osten durchaus ähnlich.  Beide Konflikte finden im Kontext enormer politischer und Umbrüche statt. Das lässt Wissenschaftler und Politiker heute fragen, ob sich heute Lehren aus dem Entstehungs- bzw. Verhandlungsprozess des Westfälischen Friedens ableiten lassen, die für einen Friedensprozess im Mittleren Osten anwendbar sind.

Die Zeit wird zeigen, ob das gelingt. In jedem Fall sensibilisiert der Blick ins 17. Jahrhundert in Deutschland für die Komplexität und für die Dynamiken eines Konfliktes, wie dem im Mittleren Osten, und für die zeitlichen Dimensionen, die eine Beendigung eines solchen Konfliktes beansprucht.

Soweit der Rückblick auf zwei für Europa und Deutschland zentrale historische Ereignisse, die in 2018 ein besonderes Gedenken zukommt.

Das auch das Jahr 2018 zukünftig für einen Umbruch stehen könnte, legen vier Nachrichten aus den Tagen vom 28. Dezember 2017 bis zum 03. Januar 2018 nahe.

Am 28.12.2017 erschien in „Die Zeit“ ein Interview mit Christian Hochfeld, dem Chef des Thinktanks Agora Verkehrswende. Der Titel des Interviews: „Elektroautos: ‚Die Marktmacht verschiebt sich.‘ Gehen den Autoherstellern die Rohstoffe für Batterien aus?“. Hochfeld geht davon aus, dass sich derzeit die Machtverhältnisse in der Automobilbranche deutlich verschieben: “Physische Engpässe gibt es nicht, da sind wir uns einig. Die Warnungen beziehen sich eher auf politische Beschaffungsrisiken. Ich denke, sie hängen damit zusammen, dass hier neue Wertschöpfungsketten entstehen. Bisher sind es die Autohersteller gewohnt, ihren Zulieferern die Preise zu diktieren; das funktioniert jetzt offenbar nicht mehr. Die Marktmacht innerhalb der Wertschöpfungskette verschiebt sich, weg von den Autoherstellern. Das verunsichert. Und die Hersteller merken jetzt, dass da eine neue Herausforderung auf sie zukommt.“

Diese Machtverschiebung dürfte zugunsten Chinas ausgehen und dürfte ganz erheblich Folgen für die deutsche und europäische Automobilproduktion haben. Sie dürften an Macht und Bedeutung verlieren mit bisher nur schwer abzuschätzenden Folgen für Arbeitsplätze innerhalb Europas.

Zu dieser Entwicklung passt eine Meldung des Magazins „Der Spiegel“ vom 02. Januar 2018: „Produktionsverbot für 553 Automodelle: ‚Chinas Regierung gibt einen Warnschuss ab.‘ Zum Jahresstart hat Peking den Bau von 553 Modellen untersagt, die nicht die staatlichen Verbrauchsvorgaben erfüllen – auch deutsche Hersteller sind betroffen.“

Die deutschen Automobilunternehmen sind es gewohnt, dass man in Berlin viel Verständnis für ihre Anliegen hat. Immerhin sind über 800.000 Personen in der Automobilproduktion beschäftigt. Die chinesische Regierung steht hingegen unter dem Druck, die Umweltbelastungen deutlich verringern zu müssen und hat daher kein offenes Ohr für die Belange deutscher Automobilbauer. Auf diese veränderten Machtkonstellationen ist die deutsche und europäische Automobilindustrie offenbar nur unzureichend vorbereitet. Das könnte über kurz oder lang zu einem merkbaren Bedeutungsverlust der dieses Industriezweiges führen. Denn offenbar sind chinesische Firmen auch beim Thema Elektromobilität der europäischen Industrie ein ganzes Stück voraus.

Einen Tag später, am 03. Januar 2018, berichtet die Süddeutsche Zeitung, dass die chinesische Regierung zum Jahresbeginn 2018 den Import von Plastikmüll gestoppt hat (vgl. nebenstehenden Kasten): „Denn zur Jahreswende hat die Regierung in Peking den Import von Altplastik gestoppt. Und das hat globale Folgen: Die Volksrepublik produziert mehr Plastik als jedes andere Land der Erde, doch jetzt will es von dem alten Zeug aus aller Welt nichts mehr wissen, jedenfalls nicht in der bisherigen, oftmals minderen Qualität. Europa hat nun ein gewaltiges Müllproblem.“ So heißt es in dem Artikel.

Das Europa zunächst einmal das Problem hat, für den selbstproduzierten Müll auch selbst die Verantwortung zu übernehmen, ist die eine Seite dieser Entscheidung der chinesischen Regierung. Nach einer Übergangsphase wird man dazu wohl technische Lösungen finden. Die andere Seite ist, dass China sich seine Rolle in der globalisierten Wirtschaft verändert. Bisher war China eher am Ende der Wertschöpfungskette angesiedelt. Von dieser Zuweisung durch Europa und Nordamerika scheint China sich emanzipieren zu wollen. Denn am unteren Ende der Wertschöpfungskette gibt es wenig mitzuentscheiden und ebenfalls nur wenig zu verdienen. China such nach einem einflussreicheren und profitableren Platz innerhalb der globalen Wertschöpfungkette – und sieht sich deshalb nicht mehr länger als globale Plastikmüllkippe und zieht die Konsequenzen daraus. Auch diese Entscheidung lässt sich interpretieren als Verschiebung globaler wirtschaftlicher Machtverhältnisse, auf die man in Europa (und wohl auch in den USA) wenig vorbereitet ist. Wirtschaftlich relevante Entscheidungen mit globaler Bedeutung werden nicht mehr allein in Europa und den USA entschieden.

In diesem Lichte ist auch das Engagement Chinas in Afrika zu sehen, das Angela Köckritz ebenfalls am 3. Januar 2018 in „Die Zeit“ in ihrem Artikel „China: Fingerspitzengefühl für Afrika. Chinesische Unternehmer erproben zwischen dem Senegal und Äthiopien eine andere Form der Globalisierung.“ ausführlich beschrieben hat (vgl. nebenstehenden Kasten).

Eine letzte Entwicklung von weitreichender Bedeutung wurde von den Stadtwerken in Wuppertal getroffen. Die taz berichtete darüber am 03. Januar 2018 (vgl. nebenstehenden Kasten). Die Wuppertaler Stadtwerke haben kürzlich ein neues Vermarktungsmodell für Ökostrom gestartet. Neu daran ist, dass das Vermarktungsmodell auf der Blockchaintechnologie basiert. Über diese Möglichkeit der Nutzung der Blockchaintechnologie wird schon länger diskutiert. Nun scheint diese Technologie aber an den Punkt gekommen zu sein, dass sie praktisch erprobt und eingesetzt werden kann. Damit steht der Energiesektor – nicht nur in der Bundesrepublik – vor dem radikalsten Wandel seiner bisherigen Geschichte.

Dies sich hier andeutenden Veränderungen bedeuten keineswegs zwangsläufig eine Katastrophe. Sie erfordern allerdings eine politische Gestaltung, die bisher nicht erkennbar ist. Die hier aufleuchtenden Veränderungen werden schnell eine sehr eigene Dynamik und hohe Geschwindigkeit entwickeln. Reagiert die Politik zu spät und zu zögerlich, dann wird es zu sozialen und politischen Verwerfungen kommen. Diese Gefahr ist sehr real.

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